Warum wir alle zu wenig leisten

Da geht noch was!
(und warum das offenbar völlig in Ordnung ist)
Endlich sagt es mal jemand: Wir arbeiten zu wenig. Punkt.
Friedrich Merz hat es ausgesprochen, und schon bricht jene Empörung los, die immer dann zuverlässig einsetzt, wenn Leistung nicht als Zumutung, sondern als Voraussetzung von Wohlstand benannt wird.
Dabei ist die eigentliche Provokation gar nicht, dass er es sagt – sondern wie spät.
Ein Land im Energiesparmodus
Deutschland, einst Industriemotor Europas, gleicht heute eher einem Wellness-Resort mit angeschlossener Steuerbehörde. Work-Life-Balance gilt als Menschenrecht, die Vier-Tage-Woche als zivilisatorischer Fortschritt, und wer fünf Tage arbeitet, gilt fast schon als verdächtig ehrgeizig.
Leistung? Ja, gern – aber bitte nicht zu früh, nicht zu lang und möglichst nicht unter Druck.
Und wenn es anstrengend wird: Krankmeldung. Am besten telefonisch. Geht ja jetzt.
Krankentage: Ein Blick, der unbequem ist
Besonders unerquicklich wird es, wenn man sich die Zahlen ansieht – und zwar richtig.
Denn anders als gern behauptet, haben Beamte im Durchschnitt nicht weniger, sondern häufig mehr Krankentage als Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft.
Je nach Auswertung liegen sie bei über 20 Tagen pro Jahr, in manchen Landesverwaltungen sogar deutlich darüber. Arbeitnehmer kommen – je nach Statistik – auf rund 15 bis 19 Tage.
Das wirft Fragen auf. Unangenehme Fragen.
Liegt es an der Arbeitsbelastung?
Oder vielleicht daran, dass dort, wo Arbeitsplatzsicherheit, volle Besoldung und keinerlei Existenzrisiko herrschen, Krankheit schlicht weniger kostet?
Natürlich ist niemand „schuld“ an Krankheit. Aber in einem System ohne jede Konsequenz darf man sich zumindest fragen, warum ausgerechnet die vermeintlich privilegiertesten Beschäftigtengruppen besonders häufig fehlen.
Hausgemachte Probleme, fremde Pflichten
Und während über angeblich faule Arbeitnehmer geschimpft wird, verschweigt man gern den Elefanten im Raum:
Viele Probleme sind politisch selbst erzeugt.
Der Atomausstieg – ein energiepolitischer Blindflug – hat Strom verteuert, Industrie belastet und Produktionsdruck erhöht. Die Rechnung zahlen nicht Ministerien, sondern Betriebe und Belegschaften. Wer unter steigenden Kosten, Personalmangel und Unsicherheit arbeitet, wird nicht gesünder – sondern erschöpfter.
Doch statt Ursachen zu korrigieren, fordert man mehr Einsatz von denen, die ohnehin schon tragen.
Wir alle leisten zu wenig – aber manche tragen mehr
Und ja: Merz hat recht. Wir leisten insgesamt zu wenig.
Aber die entscheidende Frage ist: Wer ist „wir“?
Der Facharbeiter im Schichtbetrieb?
Die Pflegekraft mit Doppelschichten?
Der Mittelständler, der seine Wochenenden opfert?
Oder jene, die Work-Life-Balance predigen, während andere ihre Work-Work-Balance finanzieren?
Work-Life-Balance – das neue Staatsziel?
Work-Life-Balance ist kein Naturgesetz. Es ist ein Luxus.
Er funktioniert nur, solange andere ihn erarbeiten.
Ein Land kann nicht gleichzeitig Hochsteuerstaat, Vollversorgungsstaat, Klimavorreiter, Sozialweltmeister – und Freizeitparadies sein. Irgendwo reißt es. Und es reißt dort, wo Leistung durch Moral ersetzt wird.
Fazit
Friedrich Merz hat keine böse Wahrheit ausgesprochen – nur eine unbequeme.
Deutschland hat kein Leistungsproblem einzelner Gruppen.
Deutschland hat ein Leistungsverständnisproblem insgesamt.
Und solange wir glauben, Wohlstand falle vom Himmel, Energie komme aus Ideologie und Arbeit sei verhandelbar, wird sich eines sicher weiter erhöhen:
Der Krankenstand.
Nicht wegen der Grippe – sondern wegen der Realität.
