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Wenn die geheime Wahl plötzlich eine Beichte braucht

In Sachsen-Anhalt scheint die CDU ein neues Demokratieverständnis entwickelt zu haben: Geheim wählen darf man offenbar schon – solange man anschließend schriftlich versichert, das Richtige getan zu haben.

Nach der Wahl von AfD-Politikern ins Landtagspräsidium geriet die CDU-Fraktion in Erklärungsnot. Statt die Sache politisch aufzuarbeiten, soll ein Entwurf für eine eidesstattliche Versicherung aufgetaucht sein. Die Abgeordneten sollten darin unter anderem erklären, bestimmte AfD-Kandidaten nicht gewählt zu haben.

Next Level Demokratie

Man muss sich das einmal vorstellen: Ein Parlament, in dem die geheime Wahl offenbar so lange geheim bleibt, bis die Fraktionsführung wissen möchte, wer sich nicht an die politische Hausordnung gehalten hat.

Demokratie mit Unterschriftenzwang?

Der Entwurf wurde zwar verworfen und nicht unterschrieben. Doch allein die Diskussion wirft Fragen auf. Denn eine geheime Wahl ist kein Kreuzworträtsel, bei dem der Fraktionsvorsitzende anschließend die Lösungen kontrolliert.

Der Vorwurf der Nötigung steht im Raum. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Malte Kaufmann hat nach eigenen Angaben Strafanzeige gegen Sven Schulze gestellt. Es geht um den Verdacht, Abgeordnete könnten unter Druck gesetzt worden sein, ihre geheime Wahlentscheidung offenzulegen.

Natürlich gilt: Eine Strafanzeige ist noch kein Beweis für eine Straftat. Doch politisch ist der Vorgang bereits jetzt ein bemerkenswertes Schauspiel.

Die CDU entdeckt den demokratischen Lügendetektor

Die Partei, die gerne von Freiheit, Verantwortung und demokratischen Werten spricht, scheint in Sachsen-Anhalt mit einer neuen Methode zu experimentieren: erst geheim wählen lassen, dann die Gewählten und Nichtgewählten zur Selbstanzeige auffordern.

Vielleicht sollte man künftig gleich bei der Stimmabgabe einen Notar danebenstellen. Und für besonders verdächtige Kreuzchen gibt es eine kleine eidesstattliche Zusatzfrage: „Haben Sie wirklich nicht mit der AfD gekuschelt?“

CDU-Fraktionschef und Ministerpräsident Sven Schulze bestreitet, Urheber des umstrittenen Entwurfs gewesen zu sein. Doch unabhängig davon, wer den Zettel erfunden hat: Die politische Verantwortung für den Zustand der eigenen Fraktion lässt sich nicht einfach mit einem weiteren Formular abheften.

Geheim ist geheim – außer es wird politisch unbequem

Die eigentliche Pointe dieser Affäre ist bitter: Eine geheime Wahl soll Abgeordnete vor Druck schützen. In Sachsen-Anhalt entstand stattdessen der Eindruck, dass genau dieser Schutz zum Problem geworden ist.

Wenn eine Partei ihren Mitgliedern nicht mehr zutraut, frei und eigenverantwortlich abzustimmen, sollte sie vielleicht nicht zuerst nach eidesstattlichen Versicherungen suchen. Sondern nach dem Grund, warum ihre eigene politische Brandmauer offenbar schon beim ersten kräftigen Windzug ins Wackeln gerät.

Demokratie lebt vom freien Mandat – nicht von der unterschriebenen Fraktionsbeichte.

Brandmauer in Flammen?

Vier Kreuzchen und die große SPD-Panik

Sachsen-Anhalt hat einen AfD-Landtagspräsidenten – und in Berlin wird bereits der politische Feuerlöscher gesucht. Besonders die SPD scheint angesichts von vier geheimnisvollen Stimmen den Untergang der Demokratie zu wittern. Die CDU darf sich derweil fragen lassen, warum sie eigentlich so nervös wirkt.

Es war ein historischer Moment im Landtag von Sachsen-Anhalt: Tobias Rausch von der AfD wurde zum Landtagspräsidenten gewählt.

48 Abgeordnete stimmten für ihn.

AfD und BSW verfügen zusammen allerdings nur über 44 Sitze.

Vier Stimmen sind also irgendwo falsch abgebogen.

Und schon beginnt die politische Schnitzeljagd.

Er wird die Verräter finden!

Die CDU und das Geheimnis der vier Stimmen

Natürlich liegt der Verdacht nahe, dass zumindest einige CDU-Abgeordnete für Rausch gestimmt haben könnten.

Nur: Beweisen lässt sich das nicht.

Die Wahl war geheim.

Die CDU hatte ihren Abgeordneten sogar empfohlen, sich zu enthalten. Tatsächlich gab es fünf Enthaltungen aus den Reihen der CDU – wer die übrigen CDU-Abgeordneten gewählt haben, bleibt geheim.

Damit stehen wir vor einem faszinierenden politischen Rätsel:

Wer hat die vier zusätzlichen Kreuzchen gemacht?

Agatha Christie hätte ihre Freude daran.

Vielleicht war es die CDU. Vielleicht waren es einzelne Abgeordnete anderer Parteien. Vielleicht haben sich vier Parlamentarier gedacht: „Ach komm, wird schon nicht auffallen.“

Und tatsächlich wäre es ziemlich bemerkenswert, wenn ausgerechnet eine geheime Wahl anschließend öffentlich vollständig aufgeklärt werden könnte.

Die SPD entdeckt den Ausnahmezustand

Während die CDU versucht, möglichst wenig zu sagen, hat die SPD offenbar beschlossen, umso mehr zu sagen.

Lars Klingbeil spricht von einem „Tabubruch“.

Die SPD überreicht Rausch demonstrativ das Grundgesetz und eine weiße Rose.

Das ist symbolisch natürlich sehr eindrucksvoll.

Man könnte fast meinen, Sachsen-Anhalt habe gerade die Demokratie abgeschafft.

Dabei wurde – soweit bekannt – weder das Grundgesetz verbrannt noch der Landtag aufgelöst.

Es wurde gewählt.

Geheim.

Und zwar ein Landtagspräsident.

Vier Stimmen mehr, als AfD und BSW zusammen besitzen.

Das ist politisch interessant.

Aber ist es wirklich der demokratische Weltuntergang?

Willkommen im Zeitalter der politischen Schnappatmung

Die SPD scheint jedenfalls schon einmal den großen Feuerlöscher bereitgestellt zu haben.

Vielleicht sollte man bei Gelegenheit überprüfen, ob die Brandmeldeanlage inzwischen nicht etwas zu empfindlich eingestellt ist.

Denn wenn vier unbekannte Stimmen bereits einen „Tabubruch“ darstellen, was passiert dann erst, wenn jemand tatsächlich eine Koalition mit der AfD bildet?

Dann vermutlich:

Sirenen. Blaulicht. Sondersendungen. Sondersitzungen. Sondersondersitzungen.

Und vermutlich eine Pressekonferenz mit der Überschrift:

„Deutschland: Bitte bewahren Sie Ruhe.“

Die CDU bekommt trotzdem ihr Fett weg

Ganz unschuldig ist die CDU natürlich nicht.

Nicht, weil bewiesen wäre, dass CDU-Abgeordnete Rausch gewählt haben.

Das ist eben gerade nicht bewiesen.

Sondern weil die ganze Angelegenheit zeigt, wie schwierig die Position der CDU inzwischen geworden ist.

Man kann die AfD nicht wählen.

Man kann sie aber auch nicht daran hindern, gewählt zu werden.

Man darf nicht mit ihr zusammenarbeiten.

Man darf aber natürlich auch nicht jede geheime Abstimmung kontrollieren.

Und wenn plötzlich vier Stimmen auftauchen, die niemand erklären kann, schaut die Öffentlichkeit automatisch auf die CDU.

Das muss für die Christdemokraten ungefähr so angenehm sein wie eine Steuerprüfung kurz vor Weihnachten.

Und dann verliert die SPD auch noch ihren eigenen Vizepräsidenten

Besonders hübsch wird die Geschichte dadurch, dass anschließend der SPD-Kandidat für das Amt des Landtagsvizepräsidenten scheiterte.

48 Abgeordnete stimmten gegen Armin Willingmann.

48!

Exakt so viele, wie zuvor für Rausch gestimmt hatten.

Zufall?

Natürlich.

Vielleicht.

Möglicherweise.

Oder vielleicht auch nicht.

Denn auch diese Wahl war geheim.

Das bedeutet: Niemand weiß es.

Und genau deshalb wäre es vielleicht ganz hilfreich, wenn alle Beteiligten einmal tief durchatmen würden.

Eine geheime Wahl ist kein Mitgliederregister

Das scheint in der aktuellen Aufregung ein wenig unterzugehen.

Bei einer geheimen Wahl soll gerade nicht nachvollziehbar sein, wer wen gewählt hat.

Das ist kein technischer Fehler.

Das ist Absicht.

Wenn also 48 Menschen für Rausch stimmen, kann man zählen.

Wenn man anschließend wissen möchte, welche vier Personen zusätzlich zur AfD und zum BSW für ihn gestimmt haben, stößt man auf ein kleines Problem:

Das Kreuzchen hat keinen Namen.

Skandal!

Demokratie funktioniert tatsächlich wie vorgesehen.

Die große Frage lautet deshalb eigentlich anders

Die interessante politische Frage ist nicht:

„Hat die CDU die AfD gewählt?“

Denn das wissen wir nicht.

Die interessante Frage lautet:

„Warum ist es inzwischen überhaupt denkbar, dass Abgeordnete der CDU oder anderer Parteien einem AfD-Kandidaten ihre Stimme geben?“

Das ist eine legitime politische Debatte.

Darüber kann man diskutieren.

Man kann die Positionen der Parteien vergleichen.

Man kann das Abstimmungsverhalten kritisch hinterfragen.

Aber vielleicht braucht man dafür nicht gleich den Untergang des Abendlandes auszurufen.

Die Brandmauer bekommt einen TÜV-Termin

Vielleicht sollte die deutsche Politik ohnehin einmal überlegen, ob sie den Begriff „Brandmauer“ nicht etwas sparsamer verwendet.

Denn mittlerweile wird jede politische Begegnung mit der AfD behandelt, als würde jemand mit einem Benzinkanister durch den Bundestag laufen.

Dabei gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen:

„Ein AfD-Abgeordneter wird gewählt“

und

„Eine andere Partei bildet mit der AfD eine Regierung.“

Das eine ist passiert.

Das andere ist daraus nicht automatisch entstanden.

Fazit: Vier Stimmen und ein gigantisches politisches Theater

Am Ende bleiben einige bemerkenswerte Fakten:

  • Die AfD stellt in Sachsen-Anhalt erstmals den Landtagspräsidenten.
  • Rausch erhielt 48 Stimmen.
  • AfD und BSW verfügen zusammen über 44 Sitze.
  • Woher die vier zusätzlichen Stimmen kamen, ist wegen der geheimen Wahl nicht bekannt.
  • Die CDU kann nicht wissen, wer was gewählt hat.
  • Und die SPD reagiert, als hätte jemand gerade die Brandmauer persönlich angezündet.

Vielleicht wäre etwas mehr Gelassenheit angebracht.

Denn eine Demokratie muss auch geheime Abstimmungen aushalten.

Und vielleicht sollte man sich gelegentlich daran erinnern:

Nicht jedes unerwartete Wahlergebnis ist gleich der Beginn des Dritten Weltkriegs.

Manchmal sind es einfach nur vier Kreuzchen.

Die spannende Frage ist nur, wer sie gemacht hat.

Und solange das niemand weiß, bleibt der größte Gewinner dieser Geschichte möglicherweise nicht die AfD, nicht die CDU und auch nicht die SPD.

Sondern der gute alte geheime Stimmzettel.

Der hält nämlich dicht.

Masken, Baby, Sardinen

Jens Spahn und die wundersame Karriere des politischen Comebacks

Krank? Familienurlaub? Politische Auszeit? Hauptsache, der Lebenslauf bleibt spannend.

Es gibt Politiker, die machen einen Fehler und treten zurück.

Und dann gibt es Jens Spahn.

Der macht einen Fehler, tritt zurück, bekommt einen neuen Posten, fehlt bei einer wichtigen Sitzung, wird mit Baby auf Sardinien fotografiert, sorgt erneut für Ärger – und gibt anschließend den neuen Posten wieder ab.

Man muss neidlos anerkennen: Das ist eine bemerkenswerte Form von politischer Nachhaltigkeit.

Vom Fraktionschef zum Ausschuss-Flüchtling

Im Juli war Spahn als Unionsfraktionschef zurückgetreten. Anfang September bekam er trotzdem wieder einen wichtigen parlamentarischen Posten: den Sitz im Haushaltsausschuss.

Das Comeback sollte offenbar schnell gehen.

Sehr schnell.

Vielleicht sogar zu schnell.

Denn kaum war Spahn im Haushaltsausschuss angekommen, stand bereits die nächste Episode auf dem Programm.

Während der Bundestag tagte, fehlte Spahn bei einer Sitzung. Als Begründung wurden familiäre Gründe genannt. Aus dem Ausschuss hieß es, die Abwesenheit habe mit dem kranken Kind zu tun gehabt. Spahns Sprecher erklärte dagegen, Spahn sei ordnungsgemäß aus familiären Gründen entschuldigt gewesen und habe sich nicht selbst krankgemeldet.

Und dann kam Sardinien.

Dort wurde Spahn gemeinsam mit seinem Ehemann und dem Baby am Flughafen von Olbia fotografiert.

Das Foto landete bei „Bild“.

Die Überschrift war ungefähr so subtil wie ein Vorschlaghammer:

„Familienurlaub statt Bundestag.“

Der Artikel verschwand anschließend wieder. „Bild“ erklärte, das Foto sei in einem privaten Rahmen entstanden und habe gegen interne Richtlinien verstoßen.

Arbeiten ist nicht so sein Ding. Man muss Prioritäten setzen.


Damit war das politische Rätsel perfekt:

Ist Sardinien jetzt eine Krankheit?

Oder ist die neue politische Definition von „familiären Gründen“ schlicht:

„Der Bundestag kann warten, das Mittelmeer nicht.“

Natürlich wäre das unfair.

Denn Spahn bestreitet ausdrücklich, krankgeschrieben gewesen zu sein. Und er war nach den vorliegenden Berichten auch entschuldigt. Außerdem war eine Vertretung organisiert.

Aber Politik ist manchmal brutal.

Vor allem dann, wenn man gerade versucht, nach einem Rücktritt ein Comeback hinzulegen.

Die Union bekommt Schnappatmung

Innerhalb der Union kam die Sardinien-Geschichte jedenfalls nicht besonders gut an.

Nach ARD-Informationen forderten mehrere Mitglieder der Arbeitsgruppe Haushalt sogar, Spahn aus dem Ausschuss zu werfen. Schließlich stand eine Art Bewährungsfrist im Raum.

Man kann sich die Sitzung ungefähr vorstellen:

„Jens, wir müssen reden.“

„Worüber?“

„Über deine Anwesenheit.“

„Ich war doch da.“

„Nein.“

„Aber ich war auf Sardinien.“

„Genau.“

„Mit meinem Baby.“

„Das macht es nicht besser.“

„Aber schöner.“

Und damit war das Comeback eigentlich schon wieder Geschichte.

Am 28. September zog Spahn schließlich selbst die Konsequenz und verzichtete auf seinen Sitz im Haushaltsausschuss. Er erklärte, alles rund um seine Person sei derzeit so politisiert, dass normales Arbeiten kaum möglich sei. Außerdem sei sein Rücktritt als Fraktionschef im Juli noch zu frisch gewesen, um schon wieder „voll durchzustarten“.

Das muss man erst einmal schaffen:

Ein Comeback zu starten, um anschließend festzustellen, dass das Comeback zu früh war.

Wie viele Folgen hat diese Serie eigentlich?

Und jetzt darf man sich schon fragen:

Wie viele politische Kontroversen braucht es eigentlich noch, bis Jens Spahn endgültig aus der ersten Reihe verschwindet?

Rücktritt als Fraktionschef.

Neuer wichtiger Ausschussposten.

Sardinien-Affäre.

Interner Ärger.

Bewährungsfrist.

Und schließlich wieder der Rückzug.

Das erinnert weniger an eine politische Karriere als an eine Netflix-Serie mit ständig wechselnder Besetzung.

„Jens Spahn – Comeback Impossible“

Staffel 1: Fraktionschef.

Staffel 2: Rücktritt.

Staffel 3: Haushaltsausschuss.

Staffel 4: Sardinien.

Staffel 5: Rückzug.

Und die Zuschauer fragen sich:

Wann kommt endlich das Serienfinale?

Merz, Spahn, Amthor – die CDU als unbeabsichtigte Comedy-Truppe?

Und dann gibt es da noch ein größeres Problem.

Denn Spahn ist nicht der einzige CDU-Politiker, bei dem man sich inzwischen fragen könnte, ob die eigene Partei eigentlich noch weiß, wie man politische Schlagzeilen vermeidet.

Friedrich Merz sorgt regelmäßig für Schlagzeilen.

Philipp Amthor sorgt regelmäßig für Schlagzeilen.

Jens Spahn sorgt regelmäßig für Schlagzeilen.

Und irgendwo sitzt vermutlich inzwischen ein AfD-Wahlkampfstratege und sagt:

„Bitte weiter so.“

Natürlich wäre es falsch, daraus zu behaupten, Merz, Spahn oder Amthor würden tatsächlich für die AfD arbeiten.

Dafür gibt es keinen Beleg.

Aber eine andere Frage darf man durchaus stellen:

Was muss eine politische Konkurrenz eigentlich noch tun, wenn die Konkurrenz ihr die besten Schlagzeilen selbst produziert?

Die AfD muss schließlich nicht jeden politischen Gegner persönlich attackieren, wenn dieser regelmäßig selbst für neue Angriffsflächen sorgt.

Das ist keine geheime Zusammenarbeit.

Das ist eher die politische Variante von:

„Danke, dass ihr das für uns erledigt.“

Und genau darin liegt die bittere Pointe.

Politische Fehler und interne Streitigkeiten können das Vertrauen in Parteien beschädigen. Gerade nach jüngsten AfD-Erfolgen wird innerhalb der Union deshalb auch darüber diskutiert, welche Auswirkungen solche Vorgänge auf die eigene politische Glaubwürdigkeit haben.

Vielleicht braucht die CDU einfach einen neuen Kalender

Vielleicht sollte die CDU deshalb einen neuen Kalender einführen.

Montag:
Regieren.

Dienstag:
Nicht zurücktreten.

Mittwoch:
Nicht auf Sardinien erwischt werden.

Donnerstag:
Keine neuen Kontroversen produzieren.

Freitag:
Keine Interviews geben.

Wochenende:
Bitte nichts posten.

Und für Jens Spahn gibt es noch einen zusätzlichen Termin:

„Comeback frühestens nach erfolgreicher Teilnahme an drei aufeinanderfolgenden Sitzungen.“

Natürlich könnte man auch einfach die deutlich langweiligere Lösung wählen:

Politiker nehmen ihre parlamentarischen Aufgaben wahr, erklären ihre Abwesenheiten transparent und vermeiden unnötige neue Baustellen.

Aber wo bliebe dann die Unterhaltung?

Denn eines muss man der Union lassen:

Für politische Satire liefert sie derzeit zuverlässig Nachschub.

Und Jens Spahn?

Der hat seinen Sitz im Haushaltsausschuss inzwischen wieder abgegeben.

Man darf gespannt sein, welcher Posten als Nächstes für sein Comeback ausgewählt wird.

Vielleicht Reiseausschuss.

Dann wäre Sardinien wenigstens fachlich einschlägig.

Merz und die große Wahlergebnis-Verwirrung

Wenn der Wähler nicht mehr folgt – und der Kanzler plötzlich seine eigenen Wahlversprechen nicht mehr kennt

Friedrich Merz hat ein Problem.

Nein, nicht etwa ein kleines. Kein Problem der Kategorie „Wir müssen die Kommunikation verbessern“ oder „Da müssen wir noch einmal mit den Bürgern ins Gespräch kommen“.

Es ist ein wesentlich größeres Problem:

Die Bürger haben abgestimmt – und offenbar nicht so, wie Friedrich Merz es vorgesehen hatte.

Das ist natürlich ausgesprochen unhöflich.

Nach dem historischen Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt scheint im politischen Berlin deshalb eine Art Ausnahmezustand ausgebrochen zu sein. Die AfD holte 43,8 Prozent und damit ihr bislang stärkstes Ergebnis bei einer Landtagswahl. Die CDU kam dagegen nur auf 17,2 Prozent. [Quelle: AP]

Redet wirres und unwahres Zeug von „Ethnischer Säuberung“: Noch-Kanzler Fritz

Und was macht der Kanzler?

Er fragt offenbar nicht zuerst:

„Warum laufen uns die Wähler davon?“

Nein.

Viel naheliegender ist offenbar die Frage:

„Warum verstehen die Leute mich eigentlich nicht?“

Der Bürger hat es einfach nicht verstanden

Merz beklagt, die Menschen könnten oder wollten der Politik der Regierung nicht folgen.

Eine erstaunliche Feststellung.

Denn normalerweise funktioniert Demokratie ungefähr so:

Die Regierung macht Politik.
Die Bürger beurteilen diese Politik.
Die Bürger gehen zur Wahl.
Die Bürger verteilen anschließend die politischen Rechnungen.

Wenn das Ergebnis nicht gefällt, könnte man natürlich überlegen, ob die eigene Politik vielleicht nicht ganz so überzeugend war wie gedacht.

Aber das wäre vermutlich zu einfach.

Viel praktischer ist die Erklärung:

Der Bürger hat es einfach nicht verstanden.

Vielleicht braucht Deutschland deshalb gar keine neue Politik.

Vielleicht braucht Deutschland nur neue Wähler.

Solche, die Friedrich Merz besser verstehen.

Und plötzlich ist die eigene Migrationspolitik „ethnische Säuberung“

Besonders kurios wird es beim Thema Migration.

Im Wahlkampf hatte Merz einen drastischen Kurswechsel angekündigt. Die Union versprach unter anderem dauerhafte Grenzkontrollen, Zurückweisungen, schnellere Abschiebungen und eine konsequentere Rückführung ausreisepflichtiger Personen. Die CDU sprach selbst von einer „Migrationswende“.

Merz trat also mit dem Versprechen an, bei Migration deutlich härter vorzugehen.

Und jetzt?

Jetzt steht derselbe Merz im Bundestag und erklärt die „Remigration“ der politischen Konkurrenz kurzerhand zur „ethnischen Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe“.

Man könnte sich da schon einmal die Frage stellen:

Wo genau endet eigentlich Merz‘ eigene Migrationswende – und wo beginnt plötzlich die „ethnische Säuberung“?

Vielleicht sollte der Kanzler seine alten Wahlkampfreden noch einmal anschauen.

Man weiß ja nie.

Vielleicht findet er dort überraschende Übereinstimmungen mit Forderungen, die er heute mit maximaler Empörung bekämpft.

Vom Wahlkämpfer zum Moralrichter

Natürlich ist „Remigration“ kein eindeutig definierter juristischer Begriff. Die AfD verwendet ihn in ihrem politischen Programm, während der Begriff zugleich auch in rechtsextremen Zusammenhängen verwendet wird.

Das kann man kritisieren und politisch hart bekämpfen.

Aber ausgerechnet Friedrich Merz sollte vielleicht vorsichtig sein, wenn er daraus eine historische Keule baut.

Denn der Mann, der heute die migrationspolitischen Forderungen der AfD als moralischen Abgrund darstellt, war im Wahlkampf selbst mit einem deutlich verschärften migrationspolitischen Kurs angetreten.

Das ist ungefähr so, als würde jemand zunächst mit einem Vorschlaghammer für die Renovierung werben und sich später empören, dass jemand anderes einen Hammer in der Hand hält.

Die AfD zeigt den Kanzler an

Und dann kam der nächste Akt dieser politischen Komödie.

Die AfD-Bundestagsfraktion erstattete Strafanzeige gegen Merz wegen seiner Äußerung. Die Anzeige richtet sich gegen den Vorwurf, die Partei bzw. ihre politischen Forderungen würden durch die Formulierung des Kanzlers diffamiert. [Quelle: WELT]

Ob diese Strafanzeige juristisch Erfolg haben wird, ist eine andere Frage. Eine Anzeige ist schließlich noch kein Urteil.

Politisch ist die Sache allerdings höchst amüsant.

Der Kanzler wollte den politischen Gegner verbal in die äußerste Ecke stellen.

Der politische Gegner antwortete:

„Dann treffen wir uns eben vor Gericht.“

Man könnte sagen:

Merz wollte den politischen Bumerang werfen und war offenbar überrascht, dass er zurückkommt.

Vielleicht sollte Merz einmal den Wähler fragen

Noch interessanter ist allerdings die eigentliche Frage:

Warum ist die AfD überhaupt so erfolgreich?

Denn 43,8 Prozent fallen nicht einfach vom Himmel.

So viele Menschen wählen nicht plötzlich eine Partei, weil sie morgens aufstehen und denken:

„Heute ärgere ich Friedrich Merz.“

Hinter solchen Wahlergebnissen stehen Unzufriedenheit, Protest, politische Überzeugungen, wirtschaftliche Sorgen, Migration, Sicherheitsfragen und vor allem das Gefühl vieler Bürger, dass die etablierten Parteien ihre Probleme nicht mehr ausreichend ernst nehmen.

Man kann diese Menschen kritisieren.

Man kann ihre politische Entscheidung ablehnen.

Man kann die AfD für ungeeignet halten.

Aber eines kann man nicht:

So tun, als hätten diese Menschen nicht gewählt.

Sie haben gewählt.

Und zwar ziemlich deutlich.

Der vergessliche Wahlkämpfer

Vielleicht liegt die Ironie der ganzen Geschichte sogar darin, dass Merz selbst einst versprach, bei der Migration ordentlich aufzuräumen.

Die CDU wollte eine „Migrationswende“.

Merz wollte Grenzen kontrollieren.

Merz wollte Zurückweisungen.

Merz wollte mehr Abschiebungen.

Merz wollte einen härteren Kurs.

Und heute klingt es beinahe so, als hätte jemand all diese Forderungen heimlich in einen anderen Parteikeller getragen und dort „AfD“ draufgeschrieben.

Vielleicht sollte man deshalb nicht von einem gebrochenen Versprechen sprechen.

Vielleicht handelt es sich inzwischen um etwas viel Moderneres:

Das Wahlversprechen wurde einfach politisch recycelt.

Vor der Wahl hieß es: „Wir müssen handeln.“

Nach der Wahl heißt es: „Wie können die anderen nur so etwas fordern?“

Das ist schon eine erstaunliche Karriere für ein und dieselbe Migrationsdebatte.

Wie lange noch?

Und damit sind wir bei der wirklich spannenden Frage.

Wie lange kann Friedrich Merz dieses Spiel eigentlich noch spielen?

Denn irgendwann könnte selbst in der CDU die Erkenntnis durchsickern, dass man Wahlergebnisse nicht dauerhaft wegargumentieren kann.

Vielleicht wird irgendwann jemand im Konrad-Adenauer-Haus vorsichtig die Hand heben und sagen:

„Friedrich, vielleicht liegt es nicht ausschließlich daran, dass die Leute unsere Politik nicht verstehen.“

Und dann könnte es richtig unangenehm werden.

Denn wenn Wahlergebnisse weiter wegbrechen und die AfD weiter davonprofitiert, wird irgendwann nicht mehr nur über Kommunikation gesprochen.

Dann geht es um Führung.

Um Strategie.

Um Glaubwürdigkeit.

Und irgendwann, ganz leise und zunächst nur hinter verschlossenen Türen, über die Frage:

Ist Friedrich Merz noch der richtige Mann für dieses Amt?

Vielleicht verstehen die Menschen ihn sogar ziemlich gut

Das wäre dann der Moment, in dem aus „Die Menschen können oder wollen uns nicht folgen“ ein ganz anderes Problem wird.

Vielleicht wollen die Menschen nicht mehr Merz folgen.

Vielleicht folgen sie inzwischen einfach ihrer eigenen politischen Überzeugung.

Und vielleicht sollte der Kanzler deshalb weniger darüber nachdenken, warum die Wähler angeblich seine Politik nicht verstehen.

Sondern darüber, warum sie sie offenbar sehr gut verstanden haben – und trotzdem jemand anderen gewählt haben.

Das wäre nämlich die wirklich unangenehme Variante der Wahrheit.

Und gegen die hilft leider auch keine Bundestagsrede.

Nicht einmal, wenn man sie mit dem Begriff „ethnische Säuberung“ würzt.

Denn am Ende hat der Wähler immer noch das letzte Wort.

Mathe für Merz

Die ganz spezielle Art der Halbierung

Halbierung gelungen!

Magdeburg / Berlin. Großer Jubel im Konrad-Adenauer-Haus! Nun gut, vielleicht lag der Jubel eher auf den Fluren der AfD, aber rein mathematisch betrachtet hat Friedrich Merz sein episches Versprechen voll und ganz gehalten. Wir erinnern uns wehmütig an das Jahr 2018, als der damalige Hoffnungsträger verkündete, er werde die AfD „halbieren“.

Die Landtagswahl liefert nun die eindrucksvolle Wahlen-Prospekt-Version dieses Versprechens ab:

  • AfD: rund 44 Prozent (mehr als verdoppelt und meilenweit stärkste Kraft)
  • CDU: rund 18 Prozent (von ehemals 37,1 Prozent schlichtweg halbiert)

Ein genialer Schachzug der politischen Logik! Wer hat denn je behauptet, dass beim Halbieren die AfD gemeint war? Friedrich Merz hat nie Präzision versprochen, sondern Ergebnisse – und die CDU Sachsen-Anhalt hat geliefert.


Ein Triumph der Verwechslungsgefahren

Politikwissenschaftler stehen vor Rätseln, Marketingstrategen verneigen sich. Offenbar hatte im Wahlkampfzentralarchiv jemand die Zettel vertauscht:

„Chef, Sie sagten doch, wir sollen die Partei mit A halbieren, oder?“
„Nein, du Klappspaten, wir sollten die AfD halbieren! Nicht die eigene auf AfD-Niveau runterprügeln!“

Das Wunder von Magdeburg zeigt jedenfalls, wie pragmatisch die Altparteien mit Wähleraufträgen umgehen. Während die FDP sich konsequent ganz aus dem Landtag verabschiedet hat (mit knapp 2,2 Prozent reicht es traditionell eher für den Senioren-Skatclub als fürs Parlament), liefert die CDU den ultimativen Beweis dafür, dass man Wählerstimmen durch zwei teilen kann, ohne dass ein Rest übrig bleibt.


Was kommt als Nächstes?

Die Wahlergebnisse senden Schockwellen durch das politische Berlin. Doch in den Parteizentralen greift bereits der gewohnte Reflex: Ergebnisanalyse.

  1. Die Ursachenforschung: Es lag definitiv am Wetter, an der Urlaubszeit und natürlich daran, dass der Wähler die feinfühlige Ironie der Christdemokraten nicht verstanden hat.
  2. Die Brandmauer: Wird nun nicht mehr gebaut, sondern mangels Baustoffen als Bastel-Kit von IKEA geliefert.
  3. Der Ausblick: Friedrich Merz arbeitet bereits an seinem nächsten Coup. Nach der erfolgreichen Halbierung der eigenen Partei im Osten soll bis zur nächsten Wahl das Gesamtergebnis halbiert werden.

Herzlichen Glückwunsch nach Magdeburg. Mathematik kann so grausam – und gleichzeitig so lustig sein.