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Neues vom besten Bundeskanzler, den wir jemals hatten und haben werden. Gewählt mit absoluter Mehrheit, ganz ohne zu tricksen oder die Wähler zu veräppeln. Das moralische Nordlicht des Abendlands,
Ein Mann, so integer, er gibt dem Gewissen Schulunterricht. Hier finden sie alle Neuigkeiten und alles Wichtige: Regelmäßig reinschauen lohnt sich. ;-)

Berlin wählt Rot

Und bekommt vielleicht den Sozialismus frei Haus

25,7 Prozent für die Linke. Herzlichen Glückwunsch, Berlin. Jetzt wird enteignet – oder zumindest erstmal darüber geredet.

Sozialismus in seinem Lauf…

Berlin hat gewählt.

Und Berlin hat sich offenbar gedacht: Warum sollte man eine Wohnung einfach teuer mieten, wenn man sie auch für ein paar Milliarden Euro Steuergeld kollektiv besitzen kann?

Die Linke ist mit 25,7 Prozent stärkste Kraft geworden. Spitzenkandidatin Elif Eralp will nun den nächsten Schritt gehen: Die großen Wohnungskonzerne sollen vergesellschaftet werden.

Rund 220.000 Wohnungen stehen nach den Plänen der Linken im Visier. Die Partei will den Volksentscheid von 2021 umsetzen.

Berlin bekommt also möglicherweise eine neue Wohnungsmarktstrategie:

Erst wird das Eigentum abgeschafft. Dann wird festgestellt, dass dadurch leider keine einzige neue Wohnung entstanden ist.

Aber keine Sorge.

Das kann man später immer noch als Erfolg verkaufen.

Willkommen zurück, Genosse Wohnungsmarkt

Das Prinzip ist bestechend einfach.

Private Unternehmen besitzen Wohnungen?

Böse.

Der Staat besitzt Wohnungen?

Gut.

Der Staat verschuldet sich, um Wohnungen zu übernehmen?

Sozial.

Der Staat muss anschließend Milliardenkredite bedienen?

Solidarisch.

Und wenn irgendwann das Geld fehlt?

Dann war natürlich der Kapitalismus schuld.

Das ist ungefähr die politische Zauberformel, mit der Berlin offenbar seine Wohnungsnot bekämpfen möchte.

Dabei gibt es nur ein kleines Problem:

Eine Enteignung baut keine Wohnung.

Keine einzige.

Sie verschiebt zunächst einmal Eigentum von A nach B.

Das kann politisch gewollt sein. Es kann rechtlich möglich sein. Es kann als sozialpolitisches Instrument diskutiert werden.

Aber aus einer bestehenden Wohnung werden dadurch eben nicht plötzlich zwei.

Berlin braucht Wohnungen – und plant erstmal den großen Eigentümer-Tausch

Das Timing könnte kaum absurder sein.

Berlin hat ein massives Wohnungsproblem.

Und gleichzeitig geht der Neubau zurück.

2025 wurden in Berlin lediglich 11.027 Wohnungen fertiggestellt. Beim Neubau gab es gegenüber dem Vorjahr einen deutlichen Rückgang.

Was wäre also die klassische Antwort einer Politik, die den Wohnungsmarkt entspannen möchte?

Mehr bauen.

Was ist die spektakulärere Berliner Antwort?

Die Wohnungen, die schon da sind, enteignen.

Das hat ungefähr die Logik eines Restaurants, das zu wenig Sitzplätze hat und deshalb zunächst die Stühle zwischen den Gästen umverteilt.

Am Ende sitzen immer noch genauso viele Menschen im Raum.

Nur die Eigentumsverhältnisse sind interessanter.

Und wer bezahlt den Spaß?

Ah ja.

Die Kleinigkeit mit den Milliarden.

Die Linke will eine öffentlich-rechtliche Konstruktion schaffen, die die Wohnungen übernimmt und dafür Kredite aufnimmt. Je nach Berechnung stehen dabei Milliardenbeträge im Raum.

Bei einer Entschädigung zum Verkehrswert wurden Größenordnungen von mehreren zehn Milliarden Euro diskutiert.

42 Milliarden.

Berlin.

Das ist die Stadt, die regelmäßig Schwierigkeiten hat, Großprojekte pünktlich und innerhalb des Budgets fertigzustellen.

Aber jetzt kommt der große Plan:

Wir kaufen einfach für zig Milliarden Euro einen riesigen Wohnungsbestand und verwalten ihn anschließend selbst.

Was soll da schon schiefgehen?

Vielleicht wird der BER irgendwann noch neidisch.

Der Berliner Sozialismus kommt mit Kreditkarte

Besonders charmant ist die Vorstellung, dass dieser Sozialismus offenbar nicht bar bezahlt wird.

Nein.

Der moderne Berliner Sozialismus kommt auf Pump.

Früher hieß es:

„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

Heute heißt es:

„Steuerzahler aller Bezirke, bürgt bitte für unsere Anstalt öffentlichen Rechts!“

Denn genau hier liegt eine der entscheidenden Fragen: Wer trägt letztlich das finanzielle Risiko?

Der Staat.

Und damit der Steuerzahler.

Das ist der vielleicht modernste Sozialismus überhaupt:

Das Eigentum wird kollektiviert, die Schulden auch.

Und was passiert mit den Mieten?

Hier wird es richtig spannend.

Die Linke argumentiert, dass vergesellschaftete Wohnungen dauerhaft günstiger vermietet werden könnten.

Das ist durchaus ein nachvollziehbares politisches Ziel.

Nur muss irgendjemand trotzdem bezahlen:

  • Instandhaltung
  • Sanierung
  • Heizung
  • Dächer
  • Fassaden
  • Aufzüge
  • Modernisierung
  • Personal
  • und natürlich die Kredite

Je billiger der Staat die Wohnungen übernimmt, desto größer können die juristischen und politischen Auseinandersetzungen werden.

Je teurer er sie übernimmt, desto größer wird das finanzielle Problem.

Und irgendwo dazwischen sitzt der Berliner Senat und versucht vermutlich gerade, den Taschenrechner zu hypnotisieren.

Das eigentlich Absurde: Der Wohnungsmarkt braucht Investitionen

Wohnungen entstehen nicht durch Parteitagsbeschlüsse.

Sie entstehen durch:

  • Grundstücke
  • Genehmigungen
  • Planung
  • Bauunternehmen
  • Handwerker
  • Material
  • und Kapital

Genau deshalb warnen Kritiker der Vergesellschaftungspläne vor möglichen negativen Auswirkungen auf Investitionen.

Und hier könnte die Berliner Wohnungsstrategie einen interessanten Kreislauf entwickeln:

Wohnungen sind knapp.

→ Der Staat übernimmt private Wohnungen.

→ Private Investoren werden vorsichtiger.

→ Neubau wird schwieriger oder unattraktiver.

→ Es entstehen weniger Wohnungen.

→ Wohnungen werden noch knapper.

→ Berlin erklärt den Markt für gescheitert.

→ Der Staat übernimmt noch mehr.

Repeat.

Das nennt man dann vermutlich nachhaltige Wohnungspolitik.

Rot-Rot-Grün: Drei Parteien, ein Wohnungsmarkt und sehr viele rote Linien

Und nun soll dieses Programm möglicherweise unter Rot-Rot-Grün umgesetzt werden.

Das wird interessant.

Denn SPD und Grüne müssen nicht nur über Wohnungen sprechen.

Sie müssen sich auch mit den aktuellen Kontroversen innerhalb der Berliner Linken auseinandersetzen – unter anderem über Antisemitismusvorwürfe und die Vorgänge rund um Ferat Koçak und Kontakte ins Umfeld der Remmo-Familie.

Die Koalitionsverhandlungen könnten deshalb ungefähr so aussehen:

Linke:
„Wir wollen 220.000 Wohnungen vergesellschaften.“

SPD:
„Moment.“

Grüne:
„Moment.“

Linke:
„Das war unser Wahlversprechen.“

SPD:
„Und wir haben rote Linien.“

Grüne:
„Wir auch.“

Linke:
„Welche?“

SPD:
„Antisemitismus.“

Grüne:
„Und organisierte Kriminalität.“

Linke:
„Okay.“

SPD:
„Und wie bezahlen wir die Wohnungen?“

Linke:
„Kredite.“

SPD:
„Welche?“

Linke:
„Sehr große.“

Grüne:
„Und wer zahlt die zurück?“

Linke:
„Berlin.“

SPD:
„Und wer ist Berlin?“

Finanzsenator:
„Ich möchte dazu nichts sagen.“

Der Volksentscheid als Dauerabo

Natürlich hat die Linke ein Argument:

2021 stimmten 57,6 Prozent der Abstimmenden für den Volksentscheid zur Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände.

Das war ein politisch relevantes Signal.

Aber es war kein fertiges Enteignungsgesetz.

Und jetzt soll aus einem politischen Votum ein gigantisches staatliches Immobilienprojekt werden.

Man könnte deshalb auch sagen:

Berlin hat 2021 „Ja“ gesagt.

Und 2026 bekommt Berlin die Rechnung.

Nur weiß noch niemand genau, wie hoch sie wird.

Sozialismus mit Excel-Tabelle

Das Faszinierende an der neuen Berliner Politik ist deshalb nicht einmal, dass sie große Unternehmen vergesellschaften möchte.

Das Faszinierende ist die Kombination:

Wohnungsmangel + Milliardenkredite + weniger Neubau + staatliche Bewirtschaftung + politische Steuerung.

Das ist kein klassischer Sozialismus mehr.

Das ist Sozialismus 2.0.

Mit Excel.

Mit Ausschreibungen.

Mit Anstalten öffentlichen Rechts.

Mit Gutachten.

Mit Kommissionen.

Und natürlich mit einem 600-seitigen Koalitionsvertrag, in dem auf Seite 417 steht:

„Die Umsetzung wird geprüft.“

Berlin hat gewählt

Die Berliner wollten Veränderung.

Das Ergebnis ist eindeutig genug: Die Linke ist stärkste Kraft geworden.

Jetzt muss sie zeigen, was sie daraus macht.

Und genau hier wird es spannend.

Enteignung ist leicht zu versprechen.

Bezahlbaren Wohnraum dauerhaft zu schaffen, ist deutlich schwieriger.

Berlin kann 220.000 Wohnungen neu verteilen.

Es kann sie vergesellschaften.

Es kann sie öffentlich verwalten.

Es kann Milliarden dafür ausgeben.

Aber am Ende bleibt eine einfache mathematische Wahrheit:

220.000 übernommene Wohnungen sind immer noch 220.000 Wohnungen.

Wenn Berlin wirklich weniger Wohnungsnot haben will, braucht die Stadt zusätzlich etwas, das politisch wesentlich unspektakulärer ist:

mehr Wohnungen.

Viele mehr.

Und zwar neu gebaut.

Denn mit Enteignung kann man Eigentumsverhältnisse verändern.

Wohnraum zaubern kann sie nicht.

Aber keine Sorge.

Falls das nicht funktioniert, hat Berlin immer noch einen Plan B:

Eine Kommission.

Philipp Amthor und die große Mission

Von 4,9 auf 0 Prozent?

Mecklenburg-Vorpommern hat gewählt. Die CDU hat verloren. Daniel Peters ist zurückgetreten. Und jetzt kommt Philipp Amthor. Wenn das kein Neuanfang ist, was dann?

Er hat eine klare Mission!

Es gibt politische Abende, an denen eine Partei verliert.

Dann gibt es politische Abende, an denen eine Partei so gründlich verliert, dass sie anschließend erst einmal nachsehen muss, ob sie überhaupt noch auf dem Wahlzettel steht.

Die CDU in Mecklenburg-Vorpommern kennt seit Sonntag die zweite Variante.

4,9 Prozent.

Damit flog die CDU erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik aus einem Landesparlament. Daniel Peters zog daraus die persönliche Konsequenz und trat als Landesvorsitzender zurück. Auch Generalsekretärin Katy Hoffmeister gab ihr Amt ab.

Und wer steht nun bereit, um den Trümmerhaufen aufzuräumen?

Philipp Amthor.

Ja, genau der Philipp Amthor.

Der Mann für die schwierigen Fälle

Amthor übernimmt den CDU-Landesverband zunächst kommissarisch und soll ihn bis zu einem Landesparteitag Anfang kommenden Jahres führen. Der 33-Jährige ist Staatsminister im Bundeskanzleramt und war zuletzt stellvertretender Landesvorsitzender.

Man könnte also sagen:

Die CDU hat in Mecklenburg-Vorpommern gerade einen historischen Tiefpunkt erreicht – und die Parteispitze dachte sich offenbar:

„Da kann eigentlich nur noch Amthor helfen.“

Das ist ungefähr so, als würde die Feuerwehr nach einem Großbrand feststellen:

„Gut, das Gebäude ist weg. Jetzt holen wir jemanden, der schon einmal einen Toaster repariert hat.“

4,9 Prozent sind schließlich fast 5 Prozent

Dabei muss man die Leistung der CDU durchaus würdigen.

4,9 Prozent.

Das klingt zunächst nach einer Zahl, die nur knapp unter der magischen Fünf-Prozent-Hürde liegt.

Aber mathematisch betrachtet ist das natürlich auch eine beeindruckende Entwicklung.

Denn wenn man sich von 5 Prozent entfernt, gibt es schließlich noch jede Menge Luft nach unten.

4,8.

4,7.

4,6.

Und irgendwann kommt man bei einer Zahl an, die parteiintern vermutlich für große Erleichterung sorgen dürfte:

0,0 Prozent.

Vielleicht lautet Amthors geheimes Sanierungskonzept deshalb gar nicht „Zurück in den Landtag“.

Vielleicht lautet es:

„Wir wollen endlich wieder zweistellig – hinter dem Komma.“

Die CDU hat jetzt einen echten Vorteil

Immerhin kann die Landespartei bei der nächsten Wahl kaum noch schlechter abschneiden.

Das ist doch schon einmal eine hervorragende Ausgangslage.

4,9 Prozent und kein Landtagsmandat.

Was soll da noch schiefgehen?

Gut, theoretisch könnte man auf 4,8 Prozent fallen.

Oder 3,9.

Oder 2,7.

Aber irgendwann wird es auch organisatorisch einfacher.

Keine Fraktion.

Keine Ausschüsse.

Keine lästigen Landtagsreden.

Keine Diskussionen darüber, wer welchen Posten bekommt.

Die CDU Mecklenburg-Vorpommern könnte sich künftig komplett auf das Wesentliche konzentrieren: Parteitage.

Mit genügend Platz.

Denn bei 4,9 Prozent dürfte die Sitzordnung überschaubar sein.

Und dann kommt Amthor

Philipp Amthor hat schon mehrfach als möglicher Landeschef der CDU im Raum gestanden. Nun übernimmt er – zumindest vorübergehend – doch.

Das Timing ist bemerkenswert.

Zweimal wollte man ihn nicht ganz oben sehen.

Jetzt ist er ganz oben.

Allerdings auf einem Berg, der gerade ziemlich stark nach unten zeigt.

Das muss man erst einmal schaffen.

Andere Politiker übernehmen eine Partei nach einem Wahlsieg.

Amthor übernimmt sie nach 4,9 Prozent.

Das ist kein klassischer Karriereschritt.

Das ist eher der politische Feuerwehrdienst im Katastrophenschutz.

Die große Frage

Natürlich wäre es unfair, Philipp Amthor persönlich für das Wahlergebnis verantwortlich zu machen.

Er war schließlich nicht der Spitzenkandidat.

Er hat die Wahl nicht alleine bestritten.

Und niemand kann seriös behaupten, dass er die CDU automatisch weiter nach unten führen wird.

Aber Satire darf fragen.

Und deshalb muss die entscheidende Frage erlaubt sein:

Schafft Amthor das Unmögliche?

Kann man eine Partei, die bereits bei 4,9 Prozent steht, tatsächlich noch auf 0 Prozent bringen?

Oder gelingt ihm das Kunststück, die CDU Mecklenburg-Vorpommern wieder zurück in den Landtag zu führen?

Die Antwort darauf kennt heute niemand.

Aber eines ist sicher:

Amthor hat jetzt ein bemerkenswert kleines Fundament, auf dem er eine bemerkenswert große Karriere aufbauen soll.

Und wenn er wirklich erfolgreich sein möchte, sollte er vielleicht eines beherzigen:

Nicht jede politische Leiter muss nach oben führen.

Manchmal führt sie auch einfach in den Keller.

Und in Mecklenburg-Vorpommern hat die CDU gerade erst angefangen, dort unten nach dem Lichtschalter zu suchen.

Philipp Amthor ist am Zug.

Die CDU steht bei 4,9 Prozent.

Der Taschenrechner liegt bereit.

4,9 → 4,8 → 4,7 …

Oder vielleicht doch:

„Projekt Wiederauferstehung“?

Wir werden sehen.

Bis dahin bleibt nur eine Frage:

Philipp, schaffst du die Null?

Desaster? Weiter so!

Berlin, 21. September 2026

Es gibt politische Abende, an denen ein Kanzler vor die Kameras tritt, ein Wahlergebnis betrachtet und sich fragt: Was haben wir falsch gemacht?

Dann gibt es Friedrich Merz.

Der Bundeskanzler tritt nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern vor die Kameras, bezeichnet das Ergebnis seiner CDU in Mecklenburg-Vorpommern als „Desaster“ – und erklärt anschließend, dass die notwendigen Reformen natürlich trotzdem kommen müssten. Er selbst werde dafür weiterhin als CDU-Vorsitzender und vor allem als Bundeskanzler zur Verfügung stehen.

Man könnte dieses politische Konzept auch kurz zusammenfassen:

„Ich übernehme die Verantwortung. Deshalb ändere ich nichts.“

Fritz übernimmt Verantwortung für das Land!

Willkommen beim Merz-Prinzip

Die CDU hat in Mecklenburg-Vorpommern 4,89 Prozent erreicht und damit erstmals seit 1949 bei einer Landes-, Bundes- oder Europawahl die Fünf-Prozent-Hürde verpasst. In Berlin kam die CDU laut Hochrechnung auf rund 19 Prozent – deutlich weniger als bei der Wiederholungswahl 2023.

Merz nennt das eine schwierige Situation.

Das ist diplomatisch formuliert.

Man könnte auch sagen: Der Wähler hat der CDU einen Brief geschrieben.

Auf dem Umschlag steht:

„Wir müssen reden.“

Die CDU antwortet:

„Danke für Ihre Nachricht. Wir machen weiter wie bisher.“

Das Desaster als Beweis, dass alles richtig läuft

Besonders faszinierend ist die politische Mathematik, die sich daraus ergibt.

CDU verliert massiv? Reformen müssen kommen.

CDU fliegt aus dem Landtag? Reformen müssen kommen.

CDU verliert in Berlin deutlich? Reformen müssen kommen.

Innerparteilicher Druck steigt? Reformen müssen kommen.

Wähler wenden sich ab? Reformen müssen kommen.

Man wartet eigentlich nur noch gespannt auf den Moment, an dem die CDU bei einer Wahl überhaupt keine Stimmen mehr bekommt.

Dann wird Merz vermutlich vor die Kameras treten und erklären:

„Das Ergebnis zeigt eindrucksvoll, dass wir mit unserem Reformkurs noch nicht weit genug gegangen sind.“

Und irgendwo im Hintergrund wird ein CDU-Mitarbeiter vorsichtig den Parteischatzmeister fragen, ob man die Wahlplakate künftig direkt auf Grabsteine drucken lassen kann.

„Ich übernehme Verantwortung“ – aber bitte ohne Konsequenzen

Merz sprach von „Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld“, die jetzt erforderlich seien. Und er werde diese Eigenschaften aufbringen – als Parteivorsitzender und vor allem als Bundeskanzler.

Das ist bemerkenswert.

Denn normalerweise bedeutet politische Verantwortung nach einer schweren Wahlniederlage zumindest, dass man sich fragt, ob der eigene Kurs vielleicht nicht ganz optimal angekommen ist.

Bei Merz funktioniert Verantwortung offenbar anders.

Verantwortung übernehmen heißt: Verantwortung behalten.

Und zwar möglichst lange.

Vielleicht ist das die große politische Innovation des Jahres 2026: Der Rücktritt ist nicht mehr die Konsequenz einer Niederlage, sondern das Gegenteil davon.

Man bleibt einfach so lange, bis die Niederlage irgendwann als Bestätigung der eigenen Standhaftigkeit interpretiert werden kann.

Der Airbag geht auf, aber der Fahrer gibt Gas

Stellen wir uns einen Autofahrer vor.

Er fährt mit 180 Sachen gegen eine Betonwand.

Der Airbag geht auf.

Die Motorhaube liegt drei Meter entfernt.

Der Wagen ist nur noch als Ersatzteilspender interessant.

Der Fahrer steigt aus, schaut sich den Schaden an und sagt:

„Das war ein Desaster. Aber offensichtlich müssen wir jetzt noch etwas mehr Gas geben.“

Genau das ist das Merz-Prinzip.

Nicht die Richtung ändern.

Nicht einmal kurz anhalten.

Einfach weiterfahren.

Mecklenburg-Vorpommern: 4,89 Prozent und voller Reformelan

Das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern ist dabei besonders pikant.

Die CDU scheiterte mit 4,89 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde. Ein historischer Tiefpunkt.

Aber keine Sorge:

Der Kanzler bleibt.

Der Parteivorsitzende bleibt.

Der Reformkurs bleibt.

Nur die CDU-Abgeordneten im Schweriner Landtag müssen leider draußen bleiben.

Das hat natürlich nichts mit dem Reformkurs zu tun.

Die CDU wurde schließlich zwischen SPD und AfD „zerrieben“, wie Merz erklärte.

Ein bemerkenswertes Bild.

Die Partei wird von zwei politischen Kräften zermahlen – und die Antwort aus Berlin lautet:

„Mehr Reformen!“

Vielleicht sollte die CDU künftig einfach neue Wahlplakate drucken:

„Wir hören Ihnen zu. Aber wir machen trotzdem weiter.“

Das wäre zumindest ehrlich.

Berlin: „Ordentlich“ ist das neue „Katastrophe vermieden“

In Berlin war die Lage für die CDU ebenfalls alles andere als berauschend. Trotzdem bezeichnete Merz das Ergebnis als „ordentlich“.

Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die deutsche Sprache.

Ordentlich: Ein Wahlergebnis, bei dem man besser nicht allzu lange über die Zahlen spricht.

Vielleicht sollten wir künftig überhaupt neue politische Bewertungskategorien einführen:

  • Historisch: Die Partei verliert den Landtag.
  • Ordentlich: Die Partei verliert deutlich.
  • Stabil: Die Partei verliert weniger als befürchtet.
  • Ermutigend: Die Partei verliert, aber der Parteivorsitzende bleibt.
  • Reformbedarf: Der Wähler hat offensichtlich nicht verstanden, wie genial der bisherige Kurs war.

Und schuld ist natürlich der fehlende Rückenwind

Für das schlechte Abschneiden in Mecklenburg-Vorpommern verwies Merz unter anderem auf den fehlenden „Rückenwind aus Berlin“.

Das ist praktisch.

Wenn der Wind falsch steht, kann man schließlich nichts dafür.

Vielleicht war er einfach ungünstig.

Vielleicht war es Gegenwind.

Vielleicht hat jemand in Berlin das Fenster offen gelassen.

Nur eines darf offenbar nicht passieren:

Dass man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass die eigene Politik bei einem Teil der Wähler schlicht nicht besonders gut angekommen ist.

Das politische Perpetuum mobile

Merz erklärt Deutschland für reformbedürftig.

Das Wahlergebnis bestätigt angeblich den Reformbedarf.

Also müssen Reformen kommen.

Diese Reformen werden Belastungen und Unsicherheiten verursachen.

Wenn die Menschen daraufhin unzufrieden werden, ist das wiederum ein Zeichen dafür, dass Deutschland reformbedürftig ist.

Also müssen weitere Reformen kommen.

Und wenn die CDU danach erneut Stimmen verliert?

Ganz klar:

Noch mehr Reformen.

Ein politisches Perpetuum mobile.

Es produziert zwar keine Energie, aber dafür immer neue Begründungen, warum der bisherige Kurs unbedingt fortgesetzt werden muss.

Der Wähler hat gesprochen. Die CDU hört weg.

Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Wahlabend ist deshalb nicht einmal die Niederlage selbst.

Es ist die Interpretation.

Der Wähler hat gesprochen.

Die CDU hat zugehört.

Und anschließend beschlossen, dass der Wähler vermutlich etwas anderes gemeint hat.

Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant 95 Prozent seiner Gäste verlieren und der Koch erklären:

„Die Leute verstehen unser neues Menü einfach noch nicht. Deshalb erhöhen wir jetzt die Preise und nehmen noch drei Gerichte von der Karte.“

Weiter so – bis es nicht mehr weitergeht

Vielleicht ist das also tatsächlich der neue politische Kurs:

Weiter so.

Aber mit mehr Rückgrat.

Mehr Standhaftigkeit.

Mehr Geduld.

Und vermutlich vor allem mehr Geduld mit den Wählern.

Denn die müssen schließlich noch lernen, dass ein Wahlergebnis zwar demokratisch zustande kommt, aber offenbar nicht automatisch politische Konsequenzen haben muss.

Und so lautet die Botschaft des Kanzlers nach einem historischen Wahldesaster:

„Ich habe verstanden.“

Übersetzt aus dem politischen Merz-Dialekt bedeutet das offenbar:

„Ich habe verstanden, dass ich weitermachen muss.“

Man darf gespannt sein, wie lange dieses Konzept funktioniert.

Denn irgendwann könnte selbst der geduldigste Wähler auf die Idee kommen, dass „Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld“ vielleicht Eigenschaften sind, die nicht nur ein Kanzler besitzen sollte.

Vielleicht besitzt der Wähler sie nämlich auch.

Und vielleicht zeigt er sie bei der nächsten Wahl.

Bis dahin gilt:

Das Ergebnis war ein Desaster.

Die Verantwortung wurde übernommen.

Die Konsequenzen wurden vertagt.

Und der Kurs bleibt derselbe.

Willkommen beim „Weiter-so 2.0“.

Es ist der einzige Reformkurs, bei dem selbst eine Niederlage noch als Grund gilt, ihn unverändert fortzusetzen.

Pinocchio hat Besseres verdient

Warum Friedrich Merz dem Märchenhelden nicht das Wasser reichen kann

Sie haben Gemeinsamkeiten!

Es gibt Vergleiche, die sind so naheliegend, dass man sie kaum noch hinterfragt. Friedrich Merz und Pinocchio beispielsweise. Der eine verspricht etwas, der andere bekommt eine lange Nase. Der eine erzählt, der andere wird entlarvt. Eine wunderbare Vorlage für politische Satire.

Doch bei genauerem Hinsehen muss man feststellen: Dieser Vergleich ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit – gegenüber Pinocchio.

Pinocchio wollte ein richtiger Mensch werden

Pinocchio war ein kleiner Holzjunge mit großen Träumen. Er wollte dazugehören, wollte ein richtiger Mensch werden und musste auf seinem Weg lernen, dass man mit Lügen, leeren Versprechungen und falschen Freunden nicht besonders weit kommt.

Natürlich machte er Fehler. Er ließ sich verführen, vertraute den Falschen und geriet immer wieder in Schwierigkeiten. Aber Pinocchio hatte eine entscheidende Schwäche, die ihn gleichzeitig sympathisch machte: Er besaß ein Gewissen.

Wenn er log, wuchs seine Nase. Wenn er sich falsch verhielt, musste er die Konsequenzen tragen. Und irgendwann begriff er, dass man Verantwortung nicht einfach an andere delegieren kann.

Friedrich Merz hingegen hat die politische Karriereleiter längst erklommen. Er ist Bundeskanzler geworden, ohne dass ihm dafür eine einzige Holzschicht entfernt werden musste.

Und während Pinocchio wenigstens noch den Wunsch hatte, ein besserer Mensch zu werden, scheint Merz vor allem daran interessiert zu sein, ein möglichst erfolgreicher Kanzler zu bleiben.

Das Wahlversprechen: Ein Märchen mit offenem Ende

Erinnern wir uns an das große Versprechen, mit dem Merz im Wahlkampf auftrat: die sogenannte Remigration.

Ein Begriff, der bei seinen Anhängern Hoffnungen weckte und bei seinen Gegnern erhebliche Befürchtungen auslöste. Merz präsentierte sich als Politiker, der endlich durchgreifen werde. Schluss mit der bisherigen Migrationspolitik, Schluss mit den Ausreden, Schluss mit dem politischen Weiter-so.

Und dann kam die Regierungswirklichkeit.

Plötzlich mussten Kompromisse geschlossen, Koalitionspartner berücksichtigt und politische Versprechen in die Welt der realisierbaren Maßnahmen übersetzt werden.

Das ist in einer Demokratie grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Wahlversprechen sind schließlich keine Naturgesetze, und Regierungsarbeit besteht nicht darin, jedes Wahlkampfwort ungeachtet aller Umstände in die Tat umzusetzen.

Doch für einen Politiker, der sich so gerne als Mann der klaren Ansagen präsentiert, ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders unangenehm.

Pinocchio hätte vermutlich wenigstens zugegeben, dass er sich übernommen hat.

Merz dagegen darf sich fragen lassen, ob sein Wahlversprechen jemals mehr war als ein politischer Köder, der nach der Wahl diskret wieder vom Haken genommen wurde.

Die Märchenfigur wurde für ihre Lügen bestraft. In der Politik hingegen kann es offenbar schon als Erfolg gelten, wenn sich nach der Wahl niemand mehr so genau an die ursprüngliche Geschichte erinnern möchte.

Die Nase wächst – aber nur in der Opposition

Bei Pinocchio war die Sache denkbar einfach: Eine Lüge, eine längere Nase.

Ein herrlich unkompliziertes System. Keine Talkshows, keine Pressekonferenzen, keine nachgeschobenen Erläuterungen durch Regierungssprecher.

Bei Friedrich Merz ist das komplizierter.

Wenn ein Versprechen nicht eingehalten wird, ist es plötzlich ein Missverständnis. Wenn eine Aussage nicht mehr zur aktuellen Regierungspolitik passt, war sie angeblich anders gemeint. Und wenn die Realität den eigenen Ankündigungen widerspricht, muss man eben erklären, dass die Dinge in der Zwischenzeit etwas komplizierter geworden sind.

Man könnte beinahe meinen, die politische Nase wachse nicht nach der Wahrheit, sondern nach der Zahl der notwendigen Pressekonferenzen.

Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Pinocchio konnte seine Nase nicht verstecken.

In Berlin dagegen lässt sich selbst die größte politische Verrenkung noch hinter einer sorgfältig formulierten Pressemitteilung verbergen.

Ein Kanzler ohne Jiminy Grille?

Pinocchio hatte Jiminy Grille, sein moralisches Gewissen auf zwei Beinen. Einen kleinen Begleiter, der ihm ins Ohr flüsterte, wenn er wieder einmal dabei war, sich in Schwierigkeiten zu bringen.

Man darf sich fragen, wer diese Rolle im politischen Umfeld von Friedrich Merz übernimmt.

Vielleicht der Koalitionspartner? Vielleicht die Umfragewerte? Vielleicht die Realität, die sich leider nicht immer an die Vorstellungen des Kanzleramtes hält?

Denn ein politisches Gewissen wäre durchaus hilfreich, wenn man sich selbst als Vertreter einer neuen politischen Ehrlichkeit präsentiert.

Wer den Bürgern vor der Wahl große Veränderungen verspricht, muss sich nach der Wahl erklären lassen, warum diese Veränderungen plötzlich kleiner ausfallen. Wer anderen politische Unzuverlässigkeit vorwirft, sollte sich an den eigenen Maßstäben messen lassen.

Und wer sich als Kanzler der Verantwortung versteht, sollte nicht erst dann an seine Verantwortung erinnert werden müssen, wenn die nächste Schlagzeile droht.

Pinocchio hatte wenigstens einen moralischen Kompass.

Ob Friedrich Merz einen besitzt, lässt sich von außen nicht beurteilen. Dass er ihn gelegentlich öffentlich vorzeigen könnte, wäre allerdings kein Schaden.

Vom Holzjungen zum Staatsmann – oder umgekehrt?

Das eigentlich Tragische an diesem Vergleich ist, dass Pinocchio im Laufe seiner Geschichte eine Entwicklung durchmacht.

Er beginnt als unvollkommene Figur, macht Fehler, lernt dazu und wird schließlich zu einem richtigen Jungen.

Bei Friedrich Merz hingegen stellt sich zunehmend die Frage, ob der politische Entwicklungsprozess in die entgegengesetzte Richtung verläuft.

Er trat mit dem Anspruch an, Deutschland zu verändern. Er wollte Führung zeigen, Vertrauen zurückgewinnen und die politische Glaubwürdigkeit stärken.

Doch je größer der Abstand zwischen seinen Ankündigungen und den tatsächlichen Ergebnissen wird, desto mehr drängt sich eine unangenehme Frage auf:

Ist das noch die versprochene politische Wende – oder lediglich ein Märchen, dessen Ende nach der Wahl neu geschrieben wurde?

Natürlich ist ein Bundeskanzler kein Märchenheld. Er muss mit Koalitionspartnern verhandeln, wirtschaftliche Zwänge berücksichtigen und Entscheidungen treffen, die sich nicht immer in einfachen Wahlkampfslogans zusammenfassen lassen.

Aber gerade deshalb sollte ein Kanzler mit seinen Versprechen vorsichtig umgehen.

Denn die Bürger sind keine Statisten in einem politischen Märchen. Sie sind diejenigen, die am Ende mit den Folgen leben müssen.

Pinocchio, entschuldige bitte!

Vielleicht sollten wir Friedrich Merz künftig nicht mehr mit Pinocchio vergleichen.

Nicht, weil der Vergleich zu bissig wäre. Sondern weil er der Märchenfigur Unrecht tut.

Pinocchio war ein Lügner, aber er wollte sich ändern. Er hatte ein Gewissen, er lernte aus seinen Fehlern und er übernahm am Ende Verantwortung.

Er musste sich seine Glaubwürdigkeit mühsam erarbeiten.

Friedrich Merz hingegen hat die Glaubwürdigkeit bereits vor der Wahl versprochen. Nun muss er zeigen, dass er sie auch nach der Wahl noch besitzt.

Und sollte ihm das nicht gelingen, dann wäre es vielleicht an der Zeit, einen anderen Vergleich zu bemühen.

Wie wäre es mit dem Zauberer von Oz?

Einem Mann, der hinter einem Vorhang große Autorität ausstrahlt, während sich bei genauerem Hinsehen herausstellt, dass die Inszenierung deutlich beeindruckender ist als das, was dahintersteckt.

Wobei auch dieser Vergleich unfair wäre.

Denn der Zauberer von Oz hatte wenigstens den Mut, sich am Ende zu erkennen zu geben.

Pinocchio dagegen hatte eine lange Nase, aber immerhin ein gutes Herz.

Und Friedrich Merz?

Der hat bislang vor allem bewiesen, dass man auch ohne eine einzige sichtbare Holzfaser eine bemerkenswert hölzerne Politik machen kann.

Armer Pinocchio. Nicht einmal im Märchen hätte er verdient, mit diesem Kanzler verwechselt zu werden.

Merz und die große Wahlergebnis-Verwirrung

Wenn der Wähler nicht mehr folgt – und der Kanzler plötzlich seine eigenen Wahlversprechen nicht mehr kennt

Friedrich Merz hat ein Problem.

Nein, nicht etwa ein kleines. Kein Problem der Kategorie „Wir müssen die Kommunikation verbessern“ oder „Da müssen wir noch einmal mit den Bürgern ins Gespräch kommen“.

Es ist ein wesentlich größeres Problem:

Die Bürger haben abgestimmt – und offenbar nicht so, wie Friedrich Merz es vorgesehen hatte.

Das ist natürlich ausgesprochen unhöflich.

Nach dem historischen Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt scheint im politischen Berlin deshalb eine Art Ausnahmezustand ausgebrochen zu sein. Die AfD holte 43,8 Prozent und damit ihr bislang stärkstes Ergebnis bei einer Landtagswahl. Die CDU kam dagegen nur auf 17,2 Prozent. [Quelle: AP]

Redet wirres und unwahres Zeug von „Ethnischer Säuberung“: Noch-Kanzler Fritz

Und was macht der Kanzler?

Er fragt offenbar nicht zuerst:

„Warum laufen uns die Wähler davon?“

Nein.

Viel naheliegender ist offenbar die Frage:

„Warum verstehen die Leute mich eigentlich nicht?“

Der Bürger hat es einfach nicht verstanden

Merz beklagt, die Menschen könnten oder wollten der Politik der Regierung nicht folgen.

Eine erstaunliche Feststellung.

Denn normalerweise funktioniert Demokratie ungefähr so:

Die Regierung macht Politik.
Die Bürger beurteilen diese Politik.
Die Bürger gehen zur Wahl.
Die Bürger verteilen anschließend die politischen Rechnungen.

Wenn das Ergebnis nicht gefällt, könnte man natürlich überlegen, ob die eigene Politik vielleicht nicht ganz so überzeugend war wie gedacht.

Aber das wäre vermutlich zu einfach.

Viel praktischer ist die Erklärung:

Der Bürger hat es einfach nicht verstanden.

Vielleicht braucht Deutschland deshalb gar keine neue Politik.

Vielleicht braucht Deutschland nur neue Wähler.

Solche, die Friedrich Merz besser verstehen.

Und plötzlich ist die eigene Migrationspolitik „ethnische Säuberung“

Besonders kurios wird es beim Thema Migration.

Im Wahlkampf hatte Merz einen drastischen Kurswechsel angekündigt. Die Union versprach unter anderem dauerhafte Grenzkontrollen, Zurückweisungen, schnellere Abschiebungen und eine konsequentere Rückführung ausreisepflichtiger Personen. Die CDU sprach selbst von einer „Migrationswende“.

Merz trat also mit dem Versprechen an, bei Migration deutlich härter vorzugehen.

Und jetzt?

Jetzt steht derselbe Merz im Bundestag und erklärt die „Remigration“ der politischen Konkurrenz kurzerhand zur „ethnischen Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe“.

Man könnte sich da schon einmal die Frage stellen:

Wo genau endet eigentlich Merz‘ eigene Migrationswende – und wo beginnt plötzlich die „ethnische Säuberung“?

Vielleicht sollte der Kanzler seine alten Wahlkampfreden noch einmal anschauen.

Man weiß ja nie.

Vielleicht findet er dort überraschende Übereinstimmungen mit Forderungen, die er heute mit maximaler Empörung bekämpft.

Vom Wahlkämpfer zum Moralrichter

Natürlich ist „Remigration“ kein eindeutig definierter juristischer Begriff. Die AfD verwendet ihn in ihrem politischen Programm, während der Begriff zugleich auch in rechtsextremen Zusammenhängen verwendet wird.

Das kann man kritisieren und politisch hart bekämpfen.

Aber ausgerechnet Friedrich Merz sollte vielleicht vorsichtig sein, wenn er daraus eine historische Keule baut.

Denn der Mann, der heute die migrationspolitischen Forderungen der AfD als moralischen Abgrund darstellt, war im Wahlkampf selbst mit einem deutlich verschärften migrationspolitischen Kurs angetreten.

Das ist ungefähr so, als würde jemand zunächst mit einem Vorschlaghammer für die Renovierung werben und sich später empören, dass jemand anderes einen Hammer in der Hand hält.

Die AfD zeigt den Kanzler an

Und dann kam der nächste Akt dieser politischen Komödie.

Die AfD-Bundestagsfraktion erstattete Strafanzeige gegen Merz wegen seiner Äußerung. Die Anzeige richtet sich gegen den Vorwurf, die Partei bzw. ihre politischen Forderungen würden durch die Formulierung des Kanzlers diffamiert. [Quelle: WELT]

Ob diese Strafanzeige juristisch Erfolg haben wird, ist eine andere Frage. Eine Anzeige ist schließlich noch kein Urteil.

Politisch ist die Sache allerdings höchst amüsant.

Der Kanzler wollte den politischen Gegner verbal in die äußerste Ecke stellen.

Der politische Gegner antwortete:

„Dann treffen wir uns eben vor Gericht.“

Man könnte sagen:

Merz wollte den politischen Bumerang werfen und war offenbar überrascht, dass er zurückkommt.

Vielleicht sollte Merz einmal den Wähler fragen

Noch interessanter ist allerdings die eigentliche Frage:

Warum ist die AfD überhaupt so erfolgreich?

Denn 43,8 Prozent fallen nicht einfach vom Himmel.

So viele Menschen wählen nicht plötzlich eine Partei, weil sie morgens aufstehen und denken:

„Heute ärgere ich Friedrich Merz.“

Hinter solchen Wahlergebnissen stehen Unzufriedenheit, Protest, politische Überzeugungen, wirtschaftliche Sorgen, Migration, Sicherheitsfragen und vor allem das Gefühl vieler Bürger, dass die etablierten Parteien ihre Probleme nicht mehr ausreichend ernst nehmen.

Man kann diese Menschen kritisieren.

Man kann ihre politische Entscheidung ablehnen.

Man kann die AfD für ungeeignet halten.

Aber eines kann man nicht:

So tun, als hätten diese Menschen nicht gewählt.

Sie haben gewählt.

Und zwar ziemlich deutlich.

Der vergessliche Wahlkämpfer

Vielleicht liegt die Ironie der ganzen Geschichte sogar darin, dass Merz selbst einst versprach, bei der Migration ordentlich aufzuräumen.

Die CDU wollte eine „Migrationswende“.

Merz wollte Grenzen kontrollieren.

Merz wollte Zurückweisungen.

Merz wollte mehr Abschiebungen.

Merz wollte einen härteren Kurs.

Und heute klingt es beinahe so, als hätte jemand all diese Forderungen heimlich in einen anderen Parteikeller getragen und dort „AfD“ draufgeschrieben.

Vielleicht sollte man deshalb nicht von einem gebrochenen Versprechen sprechen.

Vielleicht handelt es sich inzwischen um etwas viel Moderneres:

Das Wahlversprechen wurde einfach politisch recycelt.

Vor der Wahl hieß es: „Wir müssen handeln.“

Nach der Wahl heißt es: „Wie können die anderen nur so etwas fordern?“

Das ist schon eine erstaunliche Karriere für ein und dieselbe Migrationsdebatte.

Wie lange noch?

Und damit sind wir bei der wirklich spannenden Frage.

Wie lange kann Friedrich Merz dieses Spiel eigentlich noch spielen?

Denn irgendwann könnte selbst in der CDU die Erkenntnis durchsickern, dass man Wahlergebnisse nicht dauerhaft wegargumentieren kann.

Vielleicht wird irgendwann jemand im Konrad-Adenauer-Haus vorsichtig die Hand heben und sagen:

„Friedrich, vielleicht liegt es nicht ausschließlich daran, dass die Leute unsere Politik nicht verstehen.“

Und dann könnte es richtig unangenehm werden.

Denn wenn Wahlergebnisse weiter wegbrechen und die AfD weiter davonprofitiert, wird irgendwann nicht mehr nur über Kommunikation gesprochen.

Dann geht es um Führung.

Um Strategie.

Um Glaubwürdigkeit.

Und irgendwann, ganz leise und zunächst nur hinter verschlossenen Türen, über die Frage:

Ist Friedrich Merz noch der richtige Mann für dieses Amt?

Vielleicht verstehen die Menschen ihn sogar ziemlich gut

Das wäre dann der Moment, in dem aus „Die Menschen können oder wollen uns nicht folgen“ ein ganz anderes Problem wird.

Vielleicht wollen die Menschen nicht mehr Merz folgen.

Vielleicht folgen sie inzwischen einfach ihrer eigenen politischen Überzeugung.

Und vielleicht sollte der Kanzler deshalb weniger darüber nachdenken, warum die Wähler angeblich seine Politik nicht verstehen.

Sondern darüber, warum sie sie offenbar sehr gut verstanden haben – und trotzdem jemand anderen gewählt haben.

Das wäre nämlich die wirklich unangenehme Variante der Wahrheit.

Und gegen die hilft leider auch keine Bundestagsrede.

Nicht einmal, wenn man sie mit dem Begriff „ethnische Säuberung“ würzt.

Denn am Ende hat der Wähler immer noch das letzte Wort.