Irreversibel ins Abseits – oder: Wenn große Worte kleine Lösungen ersetzen
Es gibt diese politischen Momente, in denen ein einzelnes Wort alles sagen soll – und am Ende doch nur verrät, dass eigentlich nichts mehr zu sagen übrig ist. Friedrich Merz hat uns nun so ein Wort geschenkt: irreversibel.
Irreversibel! Man schmeckt förmlich das Latein auf der Zunge, irgendwo zwischen Vorstandsetage und Oberseminar. Ein Wort, das klingt, als hätte es ein eigenes Dienstauto. Und doch beschreibt es in diesem Fall vor allem eines: politische Kapitulation mit Fremdwortbonus.

Irreversibel
Der Atomausstieg – ein „strategischer Fehler“, da ist man sich plötzlich einig. Sogar Ursula von der Leyen spricht es aus. Ein Fehler also. Nun wäre die logische Frage: Korrigieren wir ihn? Doch genau hier betritt Herr Merz die Bühne, räuspert sich staatsmännisch und erklärt: leider irreversibel.
Irreversibel. Nicht etwa falsch, nicht etwa überdenkbar, nicht einmal schwierig – nein, schlicht unumkehrbar. Wie ein verschütteter Kaffee. Oder ein schlecht gewähltes Tattoo. Deutschland, so scheint es, ist jetzt energiepolitisch tätowiert.
Man fragt sich unweigerlich: Was genau soll hier eigentlich irreversibel sein?
Die abgeschalteten Kraftwerke? Technik lässt sich reaktivieren.
Die fehlenden Fachkräfte? Die hat man auch vorher importiert.
Die politische Entscheidung? Nun ja – die wird sonst im Halbjahresrhythmus revidiert.
Oder ist es vielleicht die Angst, einen Fehler nicht nur zu benennen, sondern auch zu korrigieren?
Doch vielleicht geht es gar nicht um Energiepolitik, sondern um Sprachpolitik. Denn Merz pflegt bekanntermaßen eine gewisse Vorliebe für Wörter, die klingen, als könnten sie ein Gymnasium leiten: larmoyant, illoyal, irreversibel. Worte, die weniger erklären als vielmehr beeindrucken sollen. Man könnte fast meinen, je komplizierter das Vokabular, desto einfacher darf die dahinterliegende Haltung sein.
„Wir können nichts mehr tun“ klingt halt weniger staatsmännisch als „es ist irreversibel“.
Und während man sich noch am Klang dieses Wortes erfreut, bleibt eine unangenehme Frage im Raum stehen: Woher soll sie eigentlich kommen, die günstige Energie der Zukunft?
Aus Wind und Sonne allein? Vielleicht – irgendwann.
Aus Gaskraftwerken? Dann bitte mit welchen Lieferanten diesmal?
Aus Importen? Frankreich freut sich sicher schon, uns Atomstrom zu verkaufen – ironiefrei und zum Marktpreis.
Oder setzen wir einfach auf die bewährte Strategie: hoffen, dass sich Deindustrialisierung irgendwie wie Transformation anfühlt?
Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass diese „Irreversibilität“ weniger ein physikalisches als ein politisches Phänomen ist. Ein stilles Zugeständnis vielleicht – an jene Kräfte, für die jede Diskussion über Kernenergie bereits als moralische Grenzüberschreitung gilt. Ein kleines Nicken in Richtung der Grünen und Linken: Keine Sorge, wir finden den Fehler zwar theoretisch, aber praktisch bleibt alles beim Alten.
So wird aus einer Analyse keine Konsequenz, aus einem Fehler keine Korrektur und aus einem Wort eine Ausrede.
Irreversibel eben.
Und während Deutschland weiter darüber diskutiert, ob man ein einmal gefasstes politisches Urteil jemals revidieren darf, stellt der Rest Europas längst neue Reaktoren auf.
Aber vielleicht ist auch das nur vorübergehend.
Man weiß ja nie.
Es sei denn, es ist irreversibel.
