Wenn der Kanzler uns das Denken abnimmt
Es ist wieder so weit: Die politische Führung entdeckt die Dankbarkeit. Nicht etwa gegenüber den Bürgern, die den Laden am Laufen halten, sondern umgekehrt – die Bürger sollen bitteschön dankbar sein. Wofür genau? Nun, für alles. Für Deutschland. Für das Leben. Für das Wetter wahrscheinlich auch noch, wenn es sich anbietet.
Der jüngste Anlass: Eine Veranstaltung der FAZ, bei der der Kanzler – ganz Staatsmann, ganz Prediger – verkündete, wir könnten „dem Herrgott dankbar sein“, hier zu leben. Ein Satz wie aus dem Poesiealbum der Republik, irgendwo zwischen Sonntagspredigt und Regierungserklärung.
Man reibt sich die Augen. Ist das noch Politik oder schon Liturgie?
Denn während draußen die Realität anklopft – steigende Preise, bröckelnde Infrastruktur, eine Wirtschaft im Standstreifen – wird drinnen zur Dankbarkeit aufgerufen. Das hat Stil. Wer Probleme hat, soll sich gefälligst erst einmal freuen, dass er sie in Deutschland hat. Anderswo, so die implizite Botschaft, wäre es schließlich noch schlimmer.
Das ist ungefähr so tröstlich wie der Hinweis des Kapitäns auf einem leckgeschlagenen Schiff, dass andere Schiffe noch schneller untergehen.

Natürlich, Deutschland ist ein großartiges Land. War es zumindest einmal. Gebaut von Generationen, die nicht dankbar waren, sondern ehrgeizig, kritisch und manchmal auch unbequem. Menschen, die Missstände nicht mit einem Lächeln quittierten, sondern sie beseitigten.
Heute hingegen scheint die Devise zu lauten: Weniger meckern, mehr danken. Weniger hinterfragen, mehr zustimmen. Eine bemerkenswerte Verschiebung – vom Bürger als Souverän hin zum Bürger als dankbarem Untertan.
Besonders pikant: Der Dankbarkeitsappell kommt ausgerechnet von jenen, die seit Jahren politisch verantwortlich sind. Man könnte fast meinen, hier werde eine neue Form der Krisenbewältigung erprobt: Wenn die Lage schwierig wird, erklärt man sie einfach zur Erfolgsgeschichte – und erwartet Applaus.
Doch Dankbarkeit lässt sich nicht verordnen. Sie entsteht aus Vertrauen, aus funktionierenden Strukturen, aus dem Gefühl, dass Politik Probleme löst, statt sie schönzureden.
Wer stattdessen moralische Pflichtgefühle predigt, offenbart vor allem eines: dass ihm die besseren Argumente ausgegangen sind.
Vielleicht wäre es an der Zeit, den Spieß umzudrehen. Nicht die Bürger sollten dankbar sein, in diesem Land zu leben – sondern die Regierung dankbar dafür, dass die Bürger ihr trotz allem noch zuhören.
Und das ist, bei Licht betrachtet, schon großzügig genug.
