Kanzler der Herzen

Weltmeister der Schönfärberei

Die deutsche Nationalmannschaft hat Geschichte geschrieben. Zum dritten Mal in Folge ist sie bei einer Weltmeisterschaft bereits vor dem Achtelfinale gescheitert. Eine Leistung, die Konstanz beweist – allerdings auf einem Niveau, auf das man lieber verzichtet hätte.

Der beste Kanzler und die weltbesten Fußballer.

Doch wo Millionen Fans Tristesse, Ratlosigkeit und eine fußballerische Offenbarungseid sahen, erkannte Bundeskanzler Friedrich Merz offenbar ein sportliches Meisterwerk.

„Was für ein Spiel“, schrieb er.

Die Nation reagierte mit einer Gegenfrage: Welches denn?

Denn das Spiel, das der Rest der Welt gesehen hatte, war geprägt von Ideenlosigkeit, Fehlpässen, mangelnder Durchschlagskraft und einer Offensive, die so gefährlich wirkte wie ein Wattebausch. Deutschland verabschiedete sich erneut früh aus dem Turnier – mittlerweile fast schon eine lieb gewonnene WM-Tradition.

Doch im Kanzleramt müssen andere Fernsehbilder gelaufen sein. Vielleicht war versehentlich das Finale von 2014 in Dauerschleife eingeschaltet. Anders lässt sich kaum erklären, warum ein Vorrunden-Aus plötzlich wie ein Heldenspektakel gefeiert wird.

Nach dieser Logik müsste man künftig auch einem Schüler zum Einser-Abitur gratulieren, obwohl er dreimal sitzen geblieben ist. Oder einer Fluggesellschaft zur perfekten Landung, nachdem das Flugzeug im Nachbarland gelandet ist.

Merz wollte vermutlich Mut machen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur sollte zwischen Trost und Realitätsverlust noch ein kleiner Unterschied bestehen.

Denn wer nach dem dritten WM-Debakel in Folge schreibt, Deutschland habe das Land begeistert, muss sich nicht wundern, wenn sich die Bürger fragen, ob der Kanzler vielleicht versehentlich den Fernseher auf stumm geschaltet hatte – oder gleich ganz ausgeschaltet.

Besonders beeindruckend ist die neue Definition von Erfolg. Früher bedeutete Erfolg, Weltmeister zu werden. Heute reicht es offenbar schon, den Rückflug nicht zu verpassen.

Man muss der Nationalmannschaft allerdings zugutehalten: Sie hat endlich wieder etwas geschafft, worauf Verlass ist. Drei Weltmeisterschaften in Folge ohne Achtelfinale – das ist eine Serie, die selbst die größten Optimisten nicht für möglich gehalten hätten. Wo andere Rekorde sammeln, sammelt Deutschland inzwischen Enttäuschungen.

Und vielleicht ist genau deshalb das Lob des Kanzlers so passend. Wenn man sportlich nichts mehr schönreden kann, bleibt immer noch die politische Rhetorik.

Die gute Nachricht: Sollte Deutschland bei der nächsten WM erneut früh ausscheiden, dürfte die Gratulation schon fertig in der Schublade liegen.

„Was für ein Turnier.“