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Doppelmoral auf der Überholspur

Wenn der CDU-Moralapostel plötzlich selbst im Drogenschatten steht

Thomas Bareiß, Cannabis-Kritik, ein schwerer Unfall und eine Partei, die Konsequenzen offenbar lieber in homöopathischen Dosen verabreicht. Willkommen bei der Union, wo Moral großgeschrieben wird – solange man sie nicht selbst buchstabieren muss.

Er strotzt vor Integrität.

Die CDU hat ein besonderes Talent: Sie erklärt der Republik mit erhobenem Zeigefinger, wie sich anständige Menschen zu benehmen haben. Ordnung muss sein! Verantwortung muss sein! Und wer sich nicht an die Regeln hält, muss eben die Konsequenzen tragen!

Jedenfalls dann, wenn er nicht gerade selbst zur politischen Familie gehört.

Der erhobene Zeigefinger hat offenbar einen toten Winkel

Der aktuelle Fall heißt Thomas Bareiß. Der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Baden-Württemberg steht nach einem schweren Verkehrsunfall im Juli unter Verdacht, den Unfall unter dem Einfluss einer synthetischen Droge verursacht zu haben. Eine Blutanalyse führte zu Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Straßenverkehrsgefährdung und fahrlässigen Körperverletzung.

Wichtig: Bei Bareiß handelt es sich bislang um einen Verdacht. Die Unschuldsvermutung gilt. Welche Substanz genau nachgewiesen wurde, ist öffentlich weiterhin nicht bekannt.

Und jetzt kommt der Teil, bei dem man sich als politischer Beobachter unwillkürlich die Augen reibt.

Bareiß war in der Vergangenheit kein Freund einer lockeren Haltung gegenüber Cannabis und Straßenverkehr. Nach der Cannabis-Teillegalisierung 2024 kritisierte er die damalige Empfehlung, den THC-Grenzwert im Straßenverkehr auf 3,5 Nanogramm anzuheben. Seine Botschaft: Konsum und Verkehrssicherheit seien schwer unter einen Hut zu bekommen.

Das ist als allgemeiner Grundsatz durchaus nachvollziehbar. Wer berauscht Auto fährt, gefährdet andere. Ganz egal, ob die Substanz Cannabis, ein synthetisches Betäubungsmittel oder etwas anderes ist.

Nur bekommt dieser Grundsatz einen bitteren Beigeschmack, wenn ausgerechnet ein Politiker, der öffentlich vor Drogen im Straßenverkehr warnt, selbst mit einem entsprechenden Verdacht konfrontiert wird.

Natürlich ist der Verdacht kein Schuldspruch. Aber die politische Ironie ist auch ohne vorweggenommenes Urteil kaum zu übersehen.

Der Moralzeigefinger zeigt eben besonders überzeugend nach vorne – solange man nicht plötzlich feststellen muss, dass die eigene Hand am anderen Ende des Arms hängt.

Cannabis böse, synthetische Drogen noch böser – und die eigene Partei plötzlich ganz still?

Die Union hat die Cannabis-Legalisierung politisch scharf kritisiert. Dabei ging es um Jugendschutz, Gesundheit und Verkehrssicherheit. Über diese Fragen kann und soll man streiten.

Doch wenn es um den möglichen Drogenkonsum im eigenen politischen Umfeld geht, beginnt eine andere Disziplin: die Kunst des vorsichtigen Formulierens.

Aus dem lauten Ruf nach Ordnung wird plötzlich ein leises „Das Verfahren läuft“. Aus der Forderung nach Verantwortung wird eine Diskussion über Zuständigkeiten, Ämter und die Frage, welche Konsequenz jetzt eigentlich angemessen wäre.

Man könnte fast meinen, politische Moral sei eine Art Dienstwagen: Für die öffentliche Fahrt wird sie herausgeputzt, bei der privaten Nutzung gelten offenbar andere Wartungsintervalle.

Dabei wäre die Sache ganz einfach: Wer von anderen strikte Regeln verlangt, muss sich auch an denselben Maßstäben messen lassen. Nicht weil Politiker unfehlbar sein müssten, sondern weil Glaubwürdigkeit davon lebt, dass Regeln nicht nur für die politische Konkurrenz gelten.

Die Konsequenzen? Erst einmal die politische Parkposition wechseln

Anfang August kündigte Bareiß eine politische Auszeit an. Er erklärte, seinen Vorsitz im CDU-Bezirksverband Württemberg-Hohenzollern ruhen zu lassen und nicht erneut für das Amt anzutreten. Zugleich bat er um Entschuldigung.

Im September kehrte er in den Bundestag zurück. Am 1. Oktober wurde dann bekannt, dass er den Haushaltsausschuss verlässt und innerhalb der CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine andere Aufgabe übernehmen soll.

Das ist politisch durchaus bemerkenswert. Denn der Haushaltsausschuss gehört zu den einflussreichen Gremien des Bundestages. Dort wird im Detail darüber verhandelt, wofür der Staat Geld ausgeben darf.

Ein Wechsel aus dem Ausschuss ist eine Veränderung der politischen Funktion. Er ist aber weder ein gerichtliches Urteil noch automatisch ein Rücktritt vom Bundestagsmandat.

Und genau hier beginnt die Glaubwürdigkeitsfrage: Wie viel politische Verantwortung übernimmt jemand tatsächlich – und wie viel wird lediglich organisatorisch umsortiert?

In der CDU wird offenbar weiter über den Umgang mit Bareiß diskutiert. Die Junge Union forderte nach Medienberichten einen Rückzug und erklärte, es habe keine überzeugende Aufklärung der im Raum stehenden Vorwürfe gegeben. Gleichzeitig war aus der CDU-Bundestagsfraktion öffentlich wenig zu hören.

Die Satire dazu schreibt sich fast von selbst: Wenn es politisch unangenehm wird, braucht es in Berlin offenbar nicht immer einen Rücktritt. Manchmal reicht auch ein neuer Sitzplan.

Die Doppelmoral ist das eigentliche politische Problem

Machen wir es fair: Niemand muss allein deshalb aus dem Bundestag verschwinden, weil gegen ihn ermittelt wird. Die Unschuldsvermutung ist kein lästiges Detail, das man bei unliebsamen Politikern aus dem Fenster werfen darf.

Aber die CDU kann auch nicht einerseits den strengen Ordnungshüter geben und andererseits erwarten, dass die Öffentlichkeit bei eigenen Fällen plötzlich nur noch auf die juristische Mindestanforderung schaut.

Politische Verantwortung und strafrechtliche Schuld sind zwei verschiedene Dinge. Ein Verfahren muss rechtsstaatlich geführt werden. Zugleich dürfen Bürgerinnen und Bürger fragen, ob ein Politiker noch glaubwürdig für seine früheren Forderungen stehen kann, wenn er selbst mit einem vergleichbaren Problem konfrontiert wird.

Gerade wer andere öffentlich an strengen Maßstäben misst, muss damit rechnen, dass diese Maßstäbe irgendwann zurückkommen wie ein schlecht geparkter Dienstwagen.

Die Doppelmoral besteht nicht darin, dass ein Politiker unter Verdacht gerät. Sie entsteht dort, wo die eigenen Grundsätze je nach Parteibuch plötzlich unterschiedlich streng ausgelegt werden.

Die CDU und ihr Problem mit der Selbstkontrolle

Die Union fordert gerne Konsequenzen. Bei anderen. Bei der Ampel. Bei politischen Gegnern. Bei Menschen, die gegen Regeln verstoßen. Dann ist die Sprache klar, die Empörung groß und die moralische Bewertung schnell zur Hand.

Im eigenen Lager wird daraus gerne ein komplizierter Einzelfall, zu dem man sich aus Respekt vor laufenden Verfahren besser nicht äußert.

Natürlich muss man vorsichtig sein. Das ist rechtsstaatlich richtig. Aber Vorsicht darf nicht zur Ausrede werden, jede politische Aufarbeitung auf unbestimmte Zeit zu vertagen.

Und wenn ein Abgeordneter seinen einflussreichen Ausschussposten abgibt, zugleich aber eine andere Aufgabe in der Fraktion übernehmen soll, darf man durchaus nachfragen, ob hier echte Verantwortung übernommen oder vor allem ein politisches Problem neu verpackt wird.

Die Antwort darauf wird nicht durch einen bissigen Kommentar entschieden, sondern durch die tatsächlichen weiteren Schritte der Beteiligten.

Fazit: Die Moral darf keine Einbahnstraße sein

Der Fall Bareiß ist noch nicht juristisch abgeschlossen. Die konkrete Substanz ist öffentlich nicht benannt, und ein rechtskräftiges Urteil liegt nicht vor. Wer daraus bereits eine erwiesene Straftat macht, schießt über das Ziel hinaus.

Doch die politische Frage bleibt: Wie ernst meint es eine Partei mit ihren moralischen Ansprüchen, wenn sie plötzlich das eigene Personal betreffen?

Wer anderen den erhobenen Zeigefinger präsentiert, sollte wenigstens sicherstellen, dass die eigene Hand nicht gerade im politischen Nebel verschwindet.

Die CDU darf strenge Regeln fordern. Sie darf Cannabis kritisieren. Sie darf auf Verantwortung im Straßenverkehr pochen. Aber sie muss sich dann auch gefallen lassen, dass ihre eigenen Maßstäbe an den eigenen Leuten gemessen werden.

Denn politische Glaubwürdigkeit ist kein Parteiprivileg. Und Doppelmoral wird nicht dadurch besser, dass man sie in einen anderen Ausschuss versetzt.

Amthor und der Strandkorb

Wenn die CDU untergeht, aber wenigstens bequem

Von der politischen Krise direkt in den Strandkorb: Die neue ZDF-Doku „Inside CDU“ liefert unfreiwillig eine der schönsten Vorlagen für politische Satire seit Langem. Philipp Amthor zieht ins Kanzleramt – und offenbar gleich mit Urlaubsgefühl.

Vom Kofferträger zum echten Staatsmann!

Die CDU steckt in einer Krise. Die Zustimmungswerte sinken, die AfD zieht vorbei, bei Landtagswahlen hagelt es Niederlagen und im Kanzleramt dürfte man sich zunehmend fragen, wie man eigentlich noch erklären soll, dass alles ganz anders läuft als geplant.

Und dann kommt Philipp Amthor.

Mit einem Strandkorb.

Auf dem Balkon des Kanzleramts.

Man muss dem ZDF beinahe dankbar sein. Keine Satirikerin, kein Satiriker hätte sich diese Szene besser ausdenken können.

„Ja, das sieht doch super aus“

In der zweiten Staffel von „Inside CDU“ wird der politische Aufstieg Amthors begleitet. Der junge CDU-Politiker hat inzwischen einen Posten als Staatsminister im Kanzleramt und darf dort offenbar nicht nur über Bund und Länder nachdenken, sondern auch über die optimale Ausrichtung eines Strandkorbs.

Als das gute Stück auf die Terrasse gerollt wird, begutachtet Amthor es zufrieden.

„Ja, das sieht doch super aus.“

Und tatsächlich: Was könnte besser zur aktuellen Lage der Union passen?

Die Partei steckt politisch im Stau – Amthor steckt im Strandkorb.

Während draußen die politische Großwetterlage zunehmend ungemütlich wird, wird drinnen offenbar schon einmal für die persönliche Komfortzone vorgesorgt.

Amthor erklärt, dass er den Strandkorb im unwahrscheinlichen Fall einer Erholung einfach in Richtung Kanzlergarten drehen könne.

„Im unwahrscheinlichen Fall, dass ich den mal nutze zum Erholen.“

Ein Satz, der vermutlich nur noch von „Im unwahrscheinlichen Fall, dass die CDU irgendwann wieder gewinnt“ übertroffen werden könnte.

Willkommen im Kanzler-Strandbad

Natürlich ist ein Strandkorb kein Skandal.

Ein Politiker darf einen Strandkorb mögen. Ein Politiker darf sich auf seinem Balkon hinsetzen. Und vermutlich darf sogar ein CDU-Politiker gelegentlich Urlaub von der politischen Realität machen.

Das Problem ist eher das Gesamtbild.

Die Doku zeigt eine Partei, die mit sinkenden Zustimmungswerten und wachsendem politischen Druck kämpft.

Und mittendrin sehen wir einen aufstrebenden Nachwuchspolitiker in einem repräsentativen Büro, mit Dienstwagen und Strandkorb.

Das ist ungefähr so, als würde die Feuerwehr während eines Großbrands eine Reportage drehen und der Einsatzleiter zunächst erklären:

„Das Feuer ist natürlich ein Problem. Aber schauen Sie mal, wie schön mein neuer Liegestuhl steht.“

Die neue politische Komfortzone

Besonders schön wird es durch den Kontext.

Amthor kommt in der Doku nicht gerade aus einer Strandbude an der Ostsee.

Er sitzt inzwischen im Kanzleramt.

Medienberichte verweisen zudem auf eine hochwertige Cassina-Sitzgruppe in seinem Büro, deren Listenpreis bei rund 27.000 Euro liegt.

Und draußen wartet der Strandkorb.

Man könnte fast meinen, das Kanzleramt habe ein neues Konzept entwickelt:

Politik trifft All-inclusive-Urlaub.

  • Bund-Länder-Koordination am Vormittag.
  • Krisensitzung nach dem Mittagessen.
  • Strandkorb ab 15 Uhr.
  • Bei besonders schlechten Umfragewerten wird die Rückenlehne automatisch um drei Grad nach hinten gestellt.

CDU im Sinkflug – Amthor im Liegestuhl

Die Ironie könnte kaum größer sein.

Die ZDF-Doku heißt „Inside CDU“ und soll Einblicke in die Strategien und Krisen der Partei geben. Die zweite Staffel begleitet die Union durch ein politisch schwieriges Jahr.

Und dann liefert ausgerechnet Amthor das perfekte Symbolbild.

Die CDU kämpft darum, wieder Vertrauen zu gewinnen.

Amthor kämpft darum, den Strandkorb richtig auszurichten.

Die CDU sucht nach Antworten.

Amthor sucht den richtigen Blickwinkel auf den Kanzlergarten.

Die CDU will wieder näher an die Bürger.

Amthor ist näher am Sandstrand.

Zumindest gedanklich.

Vielleicht ist das alles ein Missverständnis

Vielleicht haben wir die Szene auch einfach falsch verstanden.

Vielleicht handelt es sich beim Strandkorb gar nicht um ein Symbol politischer Abgehobenheit.

Vielleicht ist es eine neue Form des Krisenmanagements.

„Wie reagieren wir auf sinkende Umfragewerte?“

„Strandkorb.“

„Was tun gegen die AfD?“

„Strandkorb.“

„Wie gewinnen wir verlorenes Vertrauen zurück?“

„Strandkorb nach Westen drehen.“

„Was machen wir, wenn es politisch richtig ungemütlich wird?“

„Dann drehen wir ihn Richtung Kanzlergarten.“

Man muss zugeben: Einen gewissen Pragmatismus kann man dieser Strategie nicht absprechen.

Und plötzlich versteht man die CDU

Vielleicht ist das sogar die wichtigste Erkenntnis der gesamten Dokumentation.

Die Bürgerinnen und Bürger sehen eine politische Partei, die mit großen Problemen kämpft.

Die Politiker sehen eine politische Partei, die mit großen Problemen kämpft.

Und Philipp Amthor sieht offenbar zunächst einmal einen ziemlich schönen Strandkorb.

Das ist keine politische Analyse.

Das ist Satire, die sich praktisch selbst schreibt.

Und so bleibt am Ende nur eine Frage:

Wenn die CDU tatsächlich untergeht – bekommt Amthor dann wenigstens seinen Strandkorb mit?

Denn eines ist sicher:

Wenn schon politische Krise, dann bitte mit Rückenlehne.


Hinweis: Die beschriebenen Szenen und Äußerungen aus der ZDF-Dokumentation beziehen sich auf die dort gezeigten Aufnahmen. Die weitergehenden Vergleiche, Zuspitzungen und Pointen dieses Beitrags sind satirisch.

Die Kunst des Bürgerdialogs

Bitte keine Bürger mitbringen!

Fritz fühlt sich mal wieder beleidigt.

Es gibt Politiker, die suchen den Kontakt zu den Menschen.

Und es gibt Friedrich Merz.

Der sucht offenbar den Kontakt zu Menschen, solange diese nicht auf die Idee kommen, ihm zu widersprechen.

Beim jüngsten Bürgerdialog mit einer Kinderärztin durfte man deshalb wieder ein faszinierendes Schauspiel beobachten: Ein Kanzler lädt Bürger ein, um ihnen zuzuhören – und ist anschließend überrascht, dass diese tatsächlich etwas sagen.

Eine Kinderärztin wagte es, die Gesundheitspolitik der Bundesregierung scharf zu kritisieren. Sie warf Merz sogar vor, seinen Amtseid zu brechen und eine menschenverachtende Politik zu betreiben.

Das war zweifellos eine harte Ansage.

Aber der Kanzler hätte eine historische Gelegenheit gehabt, Größe zu zeigen.

Er hätte sagen können:

„Ich halte Ihre Vorwürfe für falsch. Lassen Sie uns darüber sprechen.“

Stattdessen wurde aus dem Bürgerdialog ziemlich schnell ein Kanzlerdialog mit erhöhtem Blutdruck.

Merz sprach von persönlicher Herabsetzung und davon, dass die Kritik über das normale Maß hinausgehe.

Nun könnte man einwenden: Vielleicht war die Kritik tatsächlich überzogen.

Durchaus.

Nur stellt sich bei Friedrich Merz inzwischen eine andere Frage:

Wie viel Kritik hält ein Bundeskanzler eigentlich aus?

Denn es ist ja nicht das erste Mal.

Der Fall Silvia Dronsch: Wenn Empathie zum Fremdwort wird

Man erinnere sich an den Bürgerdialog in Salzwedel im April.

Dort saß Silvia Dronsch, eine schwer an Hautkrebs erkrankte Frau. Sie sprach über ihre Erkrankung und über ihre Sorgen hinsichtlich der Gesundheitspolitik. Sie fragte Merz, warum bei den Bürgern gespart werde, während gleichzeitig über höhere Bezüge für Politiker gesprochen worden sei.

Eine Situation, bei der selbst ein durchschnittlicher Kommunikationsberater normalerweise einen kleinen Zettel hochhalten würde:

„Empathie. Jetzt.“

Merz entschied sich offenbar für die andere Karte.

Er wies die Frau scharf zurück.

Später verteidigte er seinen Auftritt und erklärte, er habe ihr lediglich widersprochen. Gleichzeitig räumte er ein, dass er die Kritik an seinem Ton nachvollziehen könne.

Und dann kam der vielleicht schönste Moment dieser ganzen Geschichte:

Die krebskranke Frau erwartete eine Entschuldigung.

Aus dem Kanzleramt kam stattdessen:

eine Autogrammkarte.

Man muss diese kommunikative Meisterleistung erst einmal zustande bringen.

Eine schwer kranke Bürgerin sagt:

„Ich hätte gerne eine Entschuldigung.“

Das Kanzleramt antwortet sinngemäß:

„Natürlich. Möchten Sie den Kanzler vielleicht signiert?“

Das ist ungefähr so, als würde jemand nach einem Arzt fragen und man schickt ihm eine Postkarte aus dem Wartezimmer.

Vielleicht hätte man auf die Karte noch schreiben können:

„Für Silvia – alles Gute. Dein Friedrich.“

Dann wäre wirklich jeder Zweifel beseitigt gewesen, ob das Kanzleramt die Situation verstanden hat.

Und jetzt schon wieder eine Bürgerin

Nur wenige Monate später sitzt wieder eine Frau vor Friedrich Merz und kritisiert seine Gesundheitspolitik.

Eine Kinderärztin.

Schon wieder Gesundheit.

Schon wieder Bürgerkritik.

Schon wieder ein Kanzler, der sich persönlich angegriffen fühlt.

Langsam drängt sich der Verdacht auf, dass das Bundeskanzleramt ein neues Frühwarnsystem benötigt.

Nicht für Wirtschaftskrisen.

Nicht für internationale Konflikte.

Sondern für den Moment, in dem ein Bürger sagt:

„Herr Bundeskanzler, ich sehe das anders.“

Dann müsste irgendwo im Kanzleramt eine rote Lampe angehen.

ACHTUNG! BÜRGER HAT EIGENE MEINUNG!

Sofort alle Berater in den Raum!

Vielleicht sind die Berater tatsächlich im Urlaub

Und genau hier stellt sich die wirklich interessante Frage:

Wo sind eigentlich Merz‘ Kommunikationsberater?

Sind die noch im Urlaub?

Sind sie kollektiv auf Betriebsausflug?

Oder haben sie inzwischen einfach aufgegeben?

Vielleicht sitzt irgendwo ein verzweifelter Pressesprecher vor einem Stapel Akten und sagt:

„Wir haben es versucht. Wir haben ihm erklärt, dass Bürgerdialog bedeutet, dass Bürger reden. Wir sind mit unserem Latein am Ende.“

Vielleicht hat man inzwischen auch ein neues Berater-Handbuch entwickelt.

Kapitel 1:

Wenn jemand Sie kritisiert: Nicht sofort zurückschießen.

Kapitel 2:

Wenn jemand schwer krank ist: Erst Mitgefühl zeigen.

Kapitel 3:

Keine Autogrammkarten als Ersatz für Entschuldigungen verschicken.

Kapitel 4:

Wenn eine Kinderärztin spricht: Nicht persönlich nehmen.

Kapitel 5:

Bürgerdialog bedeutet nicht „Der Kanzler erklärt den Bürgern, warum sie falsch liegen“.

Vielleicht müsste man das Handbuch allerdings noch auf eine DIN-A4-Seite kürzen.

Sonst liest es der Kanzler am Ende noch.

Das Merz-Prinzip

Inzwischen lässt sich ein bemerkenswertes Muster erkennen.

Merz möchte Stärke zeigen.

Nur verwechselt er Stärke offenbar gelegentlich mit Schärfe.

Er möchte Klarheit zeigen.

Nur wirkt Klarheit manchmal wie Rechthaberei.

Er möchte Bürgernähe zeigen.

Nur scheint Bürgernähe für ihn eine Tätigkeit zu sein, bei der die Bürger möglichst weit entfernt von seiner persönlichen Schmerzgrenze bleiben sollten.

Und er möchte souverän wirken.

Aber echte Souveränität besteht eben nicht darin, jeden Angriff zurückzuschlagen.

Echte Souveränität wäre es, einem Menschen, der einem gerade sehr deutlich die Meinung sagt, ruhig zuzuhören.

Auch wenn der Mensch eine andere Meinung hat.

Auch wenn die Kritik ungerecht ist.

Auch wenn sie überzogen ist.

Und gerade dann.

Der Kanzler hat ein bemerkenswertes Verhältnis zu unangenehmen Fragen

Vielleicht sollte man die Bürgerdialoge deshalb künftig etwas anders organisieren.

Nicht:

„Am Tisch mit Friedrich Merz.“

Sondern:

„Friedrich Merz hört 90 Minuten lang zu.“

Keine PowerPoint.

Keine vorbereiteten Antworten.

Keine Berater.

Nur Bürger.

Einer nach dem anderen.

Und der Kanzler darf lediglich sagen:

„Danke für Ihre Kritik. Ich denke darüber nach.“

Das wäre vermutlich die größte politische Herausforderung seiner bisherigen Amtszeit.

Und vielleicht sollte das Kanzleramt deshalb vorsichtshalber schon einmal beim Beraterstab nachfragen.

Nicht, ob sie noch im Urlaub sind.

Sondern ob sie überhaupt wissen, was Bürgerdialog bedeutet.

Denn langsam entsteht der Eindruck:

Die Bürger sind längst angekommen.

Nur der Kanzler scheint noch auf die Einladung zu warten.

Der Unersetzliche

Oder: Warum ausgerechnet Friedrich Merz unantastbar sein soll

Es sind nur Gerüchte, heißt es. Friedrich Merz könne als Bundeskanzler abgelöst werden. Eine absurde Vorstellung. Schließlich läuft doch alles wie am Schnürchen – jedenfalls, wenn man Umfragen, Schlagzeilen und die Stimmung im Land konsequent ignoriert.

Man muss sich die Dreistigkeit einmal vorstellen: Da sinken die Zustimmungswerte, in der eigenen Partei wird hinter vorgehaltener Hand über Alternativen gesprochen, und tatsächlich wagen manche Menschen die Frage, ob der Kanzler noch der Richtige ist. Welch ungeheurer Mangel an Wertschätzung!

Fast keiner zweifelt an Fritz.

Dabei hat Merz doch eindrucksvoll gezeigt, dass man selbstbewusst regieren kann, ohne sich von lästigen Dingen wie öffentlicher Zustimmung aus der Ruhe bringen zu lassen. Wer braucht schon Rückenwind, wenn man den Gegenwind einfach zur neuen politischen Leitlinie erklärt?

Die CDU versichert selbstverständlich, es gebe keinerlei Ablösungspläne. Das ist ungefähr so beruhigend wie die Durchsage auf einem Kreuzfahrtschiff: „Es besteht keinerlei Grund zur Sorge“, während die Besatzung bereits die Rettungsboote poliert.

Besonders faszinierend ist das Schauspiel hinter den Kulissen. Offiziell herrscht Einigkeit. Inoffiziell scheint die größte Herausforderung darin zu bestehen, diese Einigkeit jeden Morgen aufs Neue zu organisieren. Kaum erscheint eine schlechte Umfrage, wachsen in den Fluren der Partei plötzlich erstaunlich viele Menschen heran, die schon immer das Zeug zum Kanzler gehabt haben.

Und Merz? Er wirkt dabei wie der Kapitän eines Schiffes, der stolz verkündet, der Kurs sei exakt richtig – obwohl die Passagiere längst Google Maps eingeschaltet haben.

Die politische Kommunikation gleicht inzwischen einem Zaubertrick. Aus einer Niederlage wird eine „Herausforderung“. Aus einer Kehrtwende wird „pragmatische Anpassung“. Aus einem Absturz in den Umfragen wird der Beweis dafür, dass man sich nicht von der öffentlichen Meinung treiben lässt. Diese Logik ist so elegant, dass man sich fragt, warum überhaupt noch Wahlen stattfinden. Eine Pressemitteilung würde doch völlig reichen.

Die eigentliche Satire schreibt allerdings die Partei selbst. Jahrelang wurde der starke Manager versprochen, der aufräumt, führt und Deutschland wieder nach vorne bringt. Herausgekommen ist eine Regierung, die regelmäßig den Eindruck vermittelt, sie müsse sich morgens erst darauf verständigen, wer heute eigentlich das Steuer in der Hand hält.

Sollte Merz tatsächlich im Amt bleiben, wird man das als Beweis seiner Führungsstärke verkaufen. Sollte er ersetzt werden, war der Wechsel natürlich seit Monaten Teil eines genialen Masterplans. In der Politik verliert schließlich niemand – manche gewinnen nur rückwärts.

Bleibt also die entscheidende Frage: Wie konnte überhaupt jemand auf die Idee kommen, an Friedrich Merz‘ Kompetenz oder Performance zu zweifeln?

Vielleicht, weil Wähler manchmal eine erstaunlich altmodische Erwartung haben: Sie messen Regierungen nicht an Pressekonferenzen, sondern an Ergebnissen. Welch unerquicklich konservative Vorstellung.

Bis dahin gilt: Der Kanzler ist selbstverständlich fest im Sattel. Und wenn in Berlin doch irgendwann hektisch an einem neuen Reiter gesucht wird, dann vermutlich nur, weil das Pferd plötzlich so unruhig geworden ist.

Das große Reformpaket

Oder: Wie man 34 Überschriften verkauft und hofft, dass niemand das Kleingedruckte liest

Selbstbewusst stellen sie das größte Reformpaket aller Zeiten vor.

Die Bundesregierung hat endlich geliefert. Jedenfalls ungefähr.

34 Maßnahmen. Große Bühne. Große Worte. Große Versprechen. Deutschland soll wieder wachsen, investieren, arbeiten und optimistisch in die Zukunft blicken. Wer die Pressekonferenz verfolgt hat, konnte fast glauben, morgen würden die Baukräne schneller drehen, die Steuerbescheide leichter werden und die Bahn pünktlich fahren.

Dann kommt allerdings der Satz, der in Berlin so zuverlässig auftaucht wie Regen im November:

„Das muss jetzt noch durch Bundestag und teilweise Bundesrat.“

Mit anderen Worten: Heute feiern wir das Reformpaket. Morgen beginnt der Koalitionsstreit. Danach melden die Länder Bedenken an. Anschließend entdeckt das Finanzministerium neue Haushaltslöcher. Irgendwann landet alles in Ausschüssen. Und wenn schließlich doch etwas beschlossen wird, erkennt es seine eigene Pressemitteilung kaum noch wieder.

Vielleicht besteht die eigentliche Reform darin, dass man inzwischen sogar Ankündigungen feierlich ankündigt.

Natürlich liest sich das Programm hervorragend.

Steuern runter.

Bürokratie abbauen.

Wirtschaft ankurbeln.

Renten sichern.

Familien entlasten.

Mehr Wachstum.

Mehr Beschäftigung.

Mehr Zukunft.

Es fehlt eigentlich nur noch die Zusage, dass das Wetter künftig sonniger wird.

Doch je länger man die Liste betrachtet, desto häufiger stößt man auf den kleinen politischen Sicherheitsgurt: Gesetzentwurf folgt, Prüfung vorgesehen, soll umgesetzt werden, geplant ab 2027.

Berlin hat eine neue Maßeinheit erfunden: den ungelegten Gesetzesentwurf.

Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt.

Monatelang konnte sich die Koalition bei vielen Themen kaum auf die Farbe des Briefpapiers einigen. Nun herrscht plötzlich Einigkeit. Ausgerechnet wenige Monate vor den Landtagswahlen.

Ein erstaunlicher Zufall.

Oder vielleicht auch einer jener Zufälle, die in der Politik auffallend regelmäßig kurz vor Wahlterminen auftreten.

Natürlich wäre es völlig unfair zu unterstellen, dass man den Bürgern vor den Wahlen lieber Hoffnung als fertige Gesetze präsentiert. Vielleicht ist es wirklich reiner Zufall, dass jetzt plötzlich alles gleichzeitig möglich sein soll.

Und vielleicht bringt der Osterhase nächstes Jahr die Einkommensteuerreform persönlich vorbei.

Besonders spannend ist die Finanzierung.

Steuern sollen sinken.

Familien sollen entlastet werden.

Unternehmen sollen profitieren.

Die Renten sollen stabil bleiben.

Natürlich kostet das Geld.

Sehr viel Geld.

Die Frage lautet also nicht, ob bezahlt wird, sondern von wem.

Auf diese Stelle reagiert das Reformpaket allerdings wie ein Politiker auf die Frage nach seiner letzten Nebeneinkunft: mit bemerkenswerter Wortkargheit.

Wo wird gespart?

Welche Behörden werden kleiner?

Welche Subventionen entfallen?

Welche Projekte werden gestrichen?

Welche Ministerien müssen den Gürtel enger schnallen?

Antwort:

…

Man hört förmlich die Grillen zirpen.

Offenbar gilt weiterhin das eherne Berliner Sparprinzip: Gespart wird später. Vielleicht. Irgendwo. Von irgendwem.

Auch das Wort Energie scheint im politischen Lektorat versehentlich zwischen zwei Seiten herausgefallen zu sein.

Dabei klagen Industrie und Mittelstand seit Jahren über hohe Energiepreise und mangelnde Planungssicherheit. Unternehmen rechnen mit jedem Cent, Produktionsstandorte werden hinterfragt, Investitionen verschoben. Wer deshalb auf einen großen energiepolitischen Befreiungsschlag gehofft hatte, dürfte beim Lesen des Reformpakets mehrfach kontrolliert haben, ob ihm nicht versehentlich Seiten fehlen.

Vielleicht lautet die neue Strategie: Wenn man lange genug nicht über Energie spricht, sinken die Preise aus Scham.

Nicht minder bemerkenswert ist das Kapitel, das gar nicht existiert.

Migration.

Seit Jahren gehört das Thema zu den meistdiskutierten politischen Fragen des Landes. Kommunen berichten über Belastungen, Integrationsaufgaben und knappen Wohnraum. In Wahlumfragen nennen viele Bürger Migration regelmäßig als eines der wichtigsten Probleme.

Im Reformpaket hingegen herrscht dazu beinahe meditative Stille.

Vielleicht hat man beschlossen, dass Probleme verschwinden, wenn sie im Inhaltsverzeichnis nicht auftauchen.

Oder sie wurden vorsorglich auf die Zeit nach den Landtagswahlen verschoben.

Wer weiß das schon?

Auch der Bürokratieabbau verdient einen Sonderpreis für politische Ausdauer.

Jede Bundesregierung verspricht ihn.

Jede.

Seit Jahrzehnten.

Und jedes Mal entstehen dabei zuverlässig neue Formulare, neue Nachweispflichten, neue Berichtspflichten und neue Ausnahmen für die alten Ausnahmen.

Sollte Bürokratie jemals olympisch werden, hätte Deutschland gute Chancen auf Gold – allerdings ausschließlich in der Disziplin „Antragsformular über die Beantragung der Teilnahme“.

Am Ende bleibt der Eindruck eines politischen Möbelhauses.

Im Schaufenster sieht alles großartig aus.

Die Küche glänzt.

Das Wohnzimmer wirkt gemütlich.

Der Preis erscheint attraktiv.

Erst an der Kasse erfährt man, dass Arbeitsplatte, Scharniere, Schrauben und Griffe separat bestellt werden müssen – und die Lieferzeit derzeit unbestimmt ist.

Genau so wirkt dieses Reformpaket.

Viele schöne Modelle.

Viele attraktive Bilder.

Viele Versprechen.

Aber erstaunlich wenige fertige Produkte.

Vielleicht wird aus all dem tatsächlich einmal eine große Reform.

Vielleicht aber auch nicht.

Bis dahin bleibt vor allem eines:

34 Ankündigungen.

Einige Gesetzentwürfe.

Sehr viele Pressefotos.

Und die Hoffnung, dass die Schlagzeilen länger halten als die Aufmerksamkeit der Wähler.

Denn eines hat diese Koalition zweifellos verstanden:

Zwischen einer Pressekonferenz und einem Gesetz liegen manchmal Welten.

Zwischen einer Ankündigung und ihrer Umsetzung in Berlin gelegentlich sogar ganze Legislaturperioden.