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Die Kunst des Bürgerdialogs

Bitte keine Bürger mitbringen!

Fritz fühlt sich mal wieder beleidigt.

Es gibt Politiker, die suchen den Kontakt zu den Menschen.

Und es gibt Friedrich Merz.

Der sucht offenbar den Kontakt zu Menschen, solange diese nicht auf die Idee kommen, ihm zu widersprechen.

Beim jüngsten Bürgerdialog mit einer Kinderärztin durfte man deshalb wieder ein faszinierendes Schauspiel beobachten: Ein Kanzler lädt Bürger ein, um ihnen zuzuhören – und ist anschließend überrascht, dass diese tatsächlich etwas sagen.

Eine Kinderärztin wagte es, die Gesundheitspolitik der Bundesregierung scharf zu kritisieren. Sie warf Merz sogar vor, seinen Amtseid zu brechen und eine menschenverachtende Politik zu betreiben.

Das war zweifellos eine harte Ansage.

Aber der Kanzler hätte eine historische Gelegenheit gehabt, Größe zu zeigen.

Er hätte sagen können:

„Ich halte Ihre Vorwürfe für falsch. Lassen Sie uns darüber sprechen.“

Stattdessen wurde aus dem Bürgerdialog ziemlich schnell ein Kanzlerdialog mit erhöhtem Blutdruck.

Merz sprach von persönlicher Herabsetzung und davon, dass die Kritik über das normale Maß hinausgehe.

Nun könnte man einwenden: Vielleicht war die Kritik tatsächlich überzogen.

Durchaus.

Nur stellt sich bei Friedrich Merz inzwischen eine andere Frage:

Wie viel Kritik hält ein Bundeskanzler eigentlich aus?

Denn es ist ja nicht das erste Mal.

Der Fall Silvia Dronsch: Wenn Empathie zum Fremdwort wird

Man erinnere sich an den Bürgerdialog in Salzwedel im April.

Dort saß Silvia Dronsch, eine schwer an Hautkrebs erkrankte Frau. Sie sprach über ihre Erkrankung und über ihre Sorgen hinsichtlich der Gesundheitspolitik. Sie fragte Merz, warum bei den Bürgern gespart werde, während gleichzeitig über höhere Bezüge für Politiker gesprochen worden sei.

Eine Situation, bei der selbst ein durchschnittlicher Kommunikationsberater normalerweise einen kleinen Zettel hochhalten würde:

„Empathie. Jetzt.“

Merz entschied sich offenbar für die andere Karte.

Er wies die Frau scharf zurück.

Später verteidigte er seinen Auftritt und erklärte, er habe ihr lediglich widersprochen. Gleichzeitig räumte er ein, dass er die Kritik an seinem Ton nachvollziehen könne.

Und dann kam der vielleicht schönste Moment dieser ganzen Geschichte:

Die krebskranke Frau erwartete eine Entschuldigung.

Aus dem Kanzleramt kam stattdessen:

eine Autogrammkarte.

Man muss diese kommunikative Meisterleistung erst einmal zustande bringen.

Eine schwer kranke Bürgerin sagt:

„Ich hätte gerne eine Entschuldigung.“

Das Kanzleramt antwortet sinngemäß:

„Natürlich. Möchten Sie den Kanzler vielleicht signiert?“

Das ist ungefähr so, als würde jemand nach einem Arzt fragen und man schickt ihm eine Postkarte aus dem Wartezimmer.

Vielleicht hätte man auf die Karte noch schreiben können:

„Für Silvia – alles Gute. Dein Friedrich.“

Dann wäre wirklich jeder Zweifel beseitigt gewesen, ob das Kanzleramt die Situation verstanden hat.

Und jetzt schon wieder eine Bürgerin

Nur wenige Monate später sitzt wieder eine Frau vor Friedrich Merz und kritisiert seine Gesundheitspolitik.

Eine Kinderärztin.

Schon wieder Gesundheit.

Schon wieder Bürgerkritik.

Schon wieder ein Kanzler, der sich persönlich angegriffen fühlt.

Langsam drängt sich der Verdacht auf, dass das Bundeskanzleramt ein neues Frühwarnsystem benötigt.

Nicht für Wirtschaftskrisen.

Nicht für internationale Konflikte.

Sondern für den Moment, in dem ein Bürger sagt:

„Herr Bundeskanzler, ich sehe das anders.“

Dann müsste irgendwo im Kanzleramt eine rote Lampe angehen.

ACHTUNG! BÜRGER HAT EIGENE MEINUNG!

Sofort alle Berater in den Raum!

Vielleicht sind die Berater tatsächlich im Urlaub

Und genau hier stellt sich die wirklich interessante Frage:

Wo sind eigentlich Merz‘ Kommunikationsberater?

Sind die noch im Urlaub?

Sind sie kollektiv auf Betriebsausflug?

Oder haben sie inzwischen einfach aufgegeben?

Vielleicht sitzt irgendwo ein verzweifelter Pressesprecher vor einem Stapel Akten und sagt:

„Wir haben es versucht. Wir haben ihm erklärt, dass Bürgerdialog bedeutet, dass Bürger reden. Wir sind mit unserem Latein am Ende.“

Vielleicht hat man inzwischen auch ein neues Berater-Handbuch entwickelt.

Kapitel 1:

Wenn jemand Sie kritisiert: Nicht sofort zurückschießen.

Kapitel 2:

Wenn jemand schwer krank ist: Erst Mitgefühl zeigen.

Kapitel 3:

Keine Autogrammkarten als Ersatz für Entschuldigungen verschicken.

Kapitel 4:

Wenn eine Kinderärztin spricht: Nicht persönlich nehmen.

Kapitel 5:

Bürgerdialog bedeutet nicht „Der Kanzler erklärt den Bürgern, warum sie falsch liegen“.

Vielleicht müsste man das Handbuch allerdings noch auf eine DIN-A4-Seite kürzen.

Sonst liest es der Kanzler am Ende noch.

Das Merz-Prinzip

Inzwischen lässt sich ein bemerkenswertes Muster erkennen.

Merz möchte Stärke zeigen.

Nur verwechselt er Stärke offenbar gelegentlich mit Schärfe.

Er möchte Klarheit zeigen.

Nur wirkt Klarheit manchmal wie Rechthaberei.

Er möchte Bürgernähe zeigen.

Nur scheint Bürgernähe für ihn eine Tätigkeit zu sein, bei der die Bürger möglichst weit entfernt von seiner persönlichen Schmerzgrenze bleiben sollten.

Und er möchte souverän wirken.

Aber echte Souveränität besteht eben nicht darin, jeden Angriff zurückzuschlagen.

Echte Souveränität wäre es, einem Menschen, der einem gerade sehr deutlich die Meinung sagt, ruhig zuzuhören.

Auch wenn der Mensch eine andere Meinung hat.

Auch wenn die Kritik ungerecht ist.

Auch wenn sie überzogen ist.

Und gerade dann.

Der Kanzler hat ein bemerkenswertes Verhältnis zu unangenehmen Fragen

Vielleicht sollte man die Bürgerdialoge deshalb künftig etwas anders organisieren.

Nicht:

„Am Tisch mit Friedrich Merz.“

Sondern:

„Friedrich Merz hört 90 Minuten lang zu.“

Keine PowerPoint.

Keine vorbereiteten Antworten.

Keine Berater.

Nur Bürger.

Einer nach dem anderen.

Und der Kanzler darf lediglich sagen:

„Danke für Ihre Kritik. Ich denke darüber nach.“

Das wäre vermutlich die größte politische Herausforderung seiner bisherigen Amtszeit.

Und vielleicht sollte das Kanzleramt deshalb vorsichtshalber schon einmal beim Beraterstab nachfragen.

Nicht, ob sie noch im Urlaub sind.

Sondern ob sie überhaupt wissen, was Bürgerdialog bedeutet.

Denn langsam entsteht der Eindruck:

Die Bürger sind längst angekommen.

Nur der Kanzler scheint noch auf die Einladung zu warten.