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Masken, Baby, Sardinen

Jens Spahn und die wundersame Karriere des politischen Comebacks

Krank? Familienurlaub? Politische Auszeit? Hauptsache, der Lebenslauf bleibt spannend.

Es gibt Politiker, die machen einen Fehler und treten zurück.

Und dann gibt es Jens Spahn.

Der macht einen Fehler, tritt zurück, bekommt einen neuen Posten, fehlt bei einer wichtigen Sitzung, wird mit Baby auf Sardinien fotografiert, sorgt erneut für Ärger – und gibt anschließend den neuen Posten wieder ab.

Man muss neidlos anerkennen: Das ist eine bemerkenswerte Form von politischer Nachhaltigkeit.

Vom Fraktionschef zum Ausschuss-Flüchtling

Im Juli war Spahn als Unionsfraktionschef zurückgetreten. Anfang September bekam er trotzdem wieder einen wichtigen parlamentarischen Posten: den Sitz im Haushaltsausschuss.

Das Comeback sollte offenbar schnell gehen.

Sehr schnell.

Vielleicht sogar zu schnell.

Denn kaum war Spahn im Haushaltsausschuss angekommen, stand bereits die nächste Episode auf dem Programm.

Während der Bundestag tagte, fehlte Spahn bei einer Sitzung. Als Begründung wurden familiäre Gründe genannt. Aus dem Ausschuss hieß es, die Abwesenheit habe mit dem kranken Kind zu tun gehabt. Spahns Sprecher erklärte dagegen, Spahn sei ordnungsgemäß aus familiären Gründen entschuldigt gewesen und habe sich nicht selbst krankgemeldet.

Und dann kam Sardinien.

Dort wurde Spahn gemeinsam mit seinem Ehemann und dem Baby am Flughafen von Olbia fotografiert.

Das Foto landete bei „Bild“.

Die Überschrift war ungefähr so subtil wie ein Vorschlaghammer:

„Familienurlaub statt Bundestag.“

Der Artikel verschwand anschließend wieder. „Bild“ erklärte, das Foto sei in einem privaten Rahmen entstanden und habe gegen interne Richtlinien verstoßen.

Arbeiten ist nicht so sein Ding. Man muss Prioritäten setzen.


Damit war das politische Rätsel perfekt:

Ist Sardinien jetzt eine Krankheit?

Oder ist die neue politische Definition von „familiären Gründen“ schlicht:

„Der Bundestag kann warten, das Mittelmeer nicht.“

Natürlich wäre das unfair.

Denn Spahn bestreitet ausdrücklich, krankgeschrieben gewesen zu sein. Und er war nach den vorliegenden Berichten auch entschuldigt. Außerdem war eine Vertretung organisiert.

Aber Politik ist manchmal brutal.

Vor allem dann, wenn man gerade versucht, nach einem Rücktritt ein Comeback hinzulegen.

Die Union bekommt Schnappatmung

Innerhalb der Union kam die Sardinien-Geschichte jedenfalls nicht besonders gut an.

Nach ARD-Informationen forderten mehrere Mitglieder der Arbeitsgruppe Haushalt sogar, Spahn aus dem Ausschuss zu werfen. Schließlich stand eine Art Bewährungsfrist im Raum.

Man kann sich die Sitzung ungefähr vorstellen:

„Jens, wir müssen reden.“

„Worüber?“

„Über deine Anwesenheit.“

„Ich war doch da.“

„Nein.“

„Aber ich war auf Sardinien.“

„Genau.“

„Mit meinem Baby.“

„Das macht es nicht besser.“

„Aber schöner.“

Und damit war das Comeback eigentlich schon wieder Geschichte.

Am 28. September zog Spahn schließlich selbst die Konsequenz und verzichtete auf seinen Sitz im Haushaltsausschuss. Er erklärte, alles rund um seine Person sei derzeit so politisiert, dass normales Arbeiten kaum möglich sei. Außerdem sei sein Rücktritt als Fraktionschef im Juli noch zu frisch gewesen, um schon wieder „voll durchzustarten“.

Das muss man erst einmal schaffen:

Ein Comeback zu starten, um anschließend festzustellen, dass das Comeback zu früh war.

Wie viele Folgen hat diese Serie eigentlich?

Und jetzt darf man sich schon fragen:

Wie viele politische Kontroversen braucht es eigentlich noch, bis Jens Spahn endgültig aus der ersten Reihe verschwindet?

Rücktritt als Fraktionschef.

Neuer wichtiger Ausschussposten.

Sardinien-Affäre.

Interner Ärger.

Bewährungsfrist.

Und schließlich wieder der Rückzug.

Das erinnert weniger an eine politische Karriere als an eine Netflix-Serie mit ständig wechselnder Besetzung.

„Jens Spahn – Comeback Impossible“

Staffel 1: Fraktionschef.

Staffel 2: Rücktritt.

Staffel 3: Haushaltsausschuss.

Staffel 4: Sardinien.

Staffel 5: Rückzug.

Und die Zuschauer fragen sich:

Wann kommt endlich das Serienfinale?

Merz, Spahn, Amthor – die CDU als unbeabsichtigte Comedy-Truppe?

Und dann gibt es da noch ein größeres Problem.

Denn Spahn ist nicht der einzige CDU-Politiker, bei dem man sich inzwischen fragen könnte, ob die eigene Partei eigentlich noch weiß, wie man politische Schlagzeilen vermeidet.

Friedrich Merz sorgt regelmäßig für Schlagzeilen.

Philipp Amthor sorgt regelmäßig für Schlagzeilen.

Jens Spahn sorgt regelmäßig für Schlagzeilen.

Und irgendwo sitzt vermutlich inzwischen ein AfD-Wahlkampfstratege und sagt:

„Bitte weiter so.“

Natürlich wäre es falsch, daraus zu behaupten, Merz, Spahn oder Amthor würden tatsächlich für die AfD arbeiten.

Dafür gibt es keinen Beleg.

Aber eine andere Frage darf man durchaus stellen:

Was muss eine politische Konkurrenz eigentlich noch tun, wenn die Konkurrenz ihr die besten Schlagzeilen selbst produziert?

Die AfD muss schließlich nicht jeden politischen Gegner persönlich attackieren, wenn dieser regelmäßig selbst für neue Angriffsflächen sorgt.

Das ist keine geheime Zusammenarbeit.

Das ist eher die politische Variante von:

„Danke, dass ihr das für uns erledigt.“

Und genau darin liegt die bittere Pointe.

Politische Fehler und interne Streitigkeiten können das Vertrauen in Parteien beschädigen. Gerade nach jüngsten AfD-Erfolgen wird innerhalb der Union deshalb auch darüber diskutiert, welche Auswirkungen solche Vorgänge auf die eigene politische Glaubwürdigkeit haben.

Vielleicht braucht die CDU einfach einen neuen Kalender

Vielleicht sollte die CDU deshalb einen neuen Kalender einführen.

Montag:
Regieren.

Dienstag:
Nicht zurücktreten.

Mittwoch:
Nicht auf Sardinien erwischt werden.

Donnerstag:
Keine neuen Kontroversen produzieren.

Freitag:
Keine Interviews geben.

Wochenende:
Bitte nichts posten.

Und für Jens Spahn gibt es noch einen zusätzlichen Termin:

„Comeback frühestens nach erfolgreicher Teilnahme an drei aufeinanderfolgenden Sitzungen.“

Natürlich könnte man auch einfach die deutlich langweiligere Lösung wählen:

Politiker nehmen ihre parlamentarischen Aufgaben wahr, erklären ihre Abwesenheiten transparent und vermeiden unnötige neue Baustellen.

Aber wo bliebe dann die Unterhaltung?

Denn eines muss man der Union lassen:

Für politische Satire liefert sie derzeit zuverlässig Nachschub.

Und Jens Spahn?

Der hat seinen Sitz im Haushaltsausschuss inzwischen wieder abgegeben.

Man darf gespannt sein, welcher Posten als Nächstes für sein Comeback ausgewählt wird.

Vielleicht Reiseausschuss.

Dann wäre Sardinien wenigstens fachlich einschlägig.

Masken runter! – Jens Spahn findet endlich den Ausgang

Es ist passiert. Jens Spahn tritt als Fraktionschef zurück. Nicht wegen der Masken. Nicht wegen der Milliarden. Nicht wegen all der Untersuchungsausschüsse, Aktenordner und Schlagzeilen, die seinen politischen Lebenslauf dekorieren wie Lametta einen Weihnachtsbaum.

Nein.

Ausgerechnet die Glaubwürdigkeit hat ihn erwischt.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Jahrelang galt Spahn als politisches Stehaufmännchen. Egal, was passierte – Maskenbeschaffung, Milliardenrisiken, öffentliche Kritik oder parlamentarische Aufarbeitung –, Jens Spahn stand da wie ein FFP2-Maskenkarton im Keller eines Ministeriums: irgendwie immer noch vorhanden und erstaunlich widerstandsfähig.

Ein Skandal zuviel.

Doch dann kam ausgerechnet die Erkenntnis, dass Glaubwürdigkeit vielleicht doch kein optionales Ausstattungsmerkmal eines Fraktionsvorsitzenden ist.

Wer hätte das ahnen können?

Die offizielle Begründung lautet, die Debatte um seine private Familiengründung belaste das Amt. Das mag sein. Aber der politische Beobachter fragt sich unweigerlich, ob das Fass nicht schon seit Jahren randvoll war und lediglich auf den berühmten letzten Tropfen wartete.

Denn über Jens Spahns politische Karriere schwebt bis heute der lange Schatten der Maskenaffäre. Milliarden wurden ausgegeben, Beschaffungen verliefen chaotisch, Gerichte beschäftigen sich bis heute mit den finanziellen Folgen, Untersuchungsausschüsse förderten zahlreiche unbequeme Fragen zutage – und der Steuerzahler durfte sich einmal mehr als Hauptsponsor staatlicher Improvisationskunst fühlen.

Man könnte fast meinen, in Berlin gäbe es ein eigenes Ministerium für das Verlegen politischer Verantwortung. Zuständig für Lagerung, Umverteilung und anschließendes kollektives Vergessen.

Jetzt also der Rücktritt.

Natürlich nicht ganz. Das Bundestagsmandat bleibt. Man geht schließlich nicht freiwillig ganz von der Bühne, wenn im Zuschauerraum noch Kameras stehen.

Innerhalb der Union beginnt nun das traditionelle Spiel „Reise nach Jerusalem“. Nur dass diesmal jeder hofft, am Ende nicht auf Spahns Stuhl sitzen zu müssen. Denn der kommt inzwischen mit eingebauter Krisenhistorie.

Und die Partei? Sie bedankt sich artig für die geleistete Arbeit. Das gehört sich so. Politiker verabschieden sich schließlich selten mit den Worten: „Das wurde jetzt aber auch höchste Zeit.“

Von den Oppositionsbänken dürfte dagegen leises Husten zu hören sein. Oder ist das schallendes Gelächter? Schwer zu unterscheiden. Jedenfalls wird dort niemand ernsthaft behaupten, man habe den Fraktionschef zu Fall gebracht. Warum auch? Wenn sich die Union selbst derart zuverlässig ins Knie schießt, wäre jede fremde Hilfe reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Masken können eine erstaunlich lange Lebensdauer haben. Manche schützen vor Viren. Manche vor unangenehmen Fragen. Und manche fallen eben erst dann, wenn der Applaus längst verklungen ist.

Vorhang zu. Maske ab.

Willkommen im Paralleluniversum der politischen Moral

Jens Spahn ist Vater geworden. Herzlichen Glückwunsch. Ernsthaft.

Doch kaum ist die erste Freude ausgesprochen, beginnt die eigentliche Geschichte.

Denn Deutschland erlebt wieder einmal ein faszinierendes Schauspiel: Dieselben Menschen, die sonst jeden moralischen Millimeter vermessen, entdecken plötzlich die Schönheit der Privatsphäre.

Wein schmeckt besser als Wasser.

Der kleine Georg wurde durch eine Leihmutter in den USA geboren. Eine Methode, die in Deutschland verboten ist und über deren ethische Vertretbarkeit seit Jahren leidenschaftlich gestritten wird.

Plötzlich ist davon erstaunlich wenig zu hören.

Keine Grundsatzdebatten. Keine Sondersendungen. Keine moralischen Brandreden.

Stattdessen: Herzchen, Glückwünsche und die Versicherung, das Privatleben eines Politikers gehe schließlich niemanden etwas an.

Interessant.

Denn normalerweise gilt in Berlin ein anderes Prinzip: Wer Regeln für andere macht, muss sich an ihnen messen lassen.

Oder etwa doch nicht?

Jens Spahn hat sich nie als Vorkämpfer für eine Legalisierung der Leihmutterschaft hervorgetan. Nun ermöglicht ausgerechnet dieses Modell ihm den Kinderwunsch.

Das ist legal.

Aber Politik besteht nicht nur aus der Frage, was legal ist.

Sondern auch aus der Frage, welche Maßstäbe man an sich selbst anlegt.

Besonders pikant wird die Geschichte beim Blick auf das deutsche Adoptionsrecht.

Offiziell existiert zwar keine gesetzliche Altersobergrenze für Adoptiveltern. In der Praxis achten Jugendämter jedoch auf einen „natürlichen“ Altersabstand zwischen Eltern und Kind. Wer deutlich älter ist, hat insbesondere bei Säuglingen oft nur noch geringe Vermittlungschancen.

Mit anderen Worten:

Für viele Durchschnittsbürger lautet die Botschaft: Tut uns leid, das Kindeswohl spricht gegen eine Vermittlung.

Für prominente Politiker mit genügend finanziellen Möglichkeiten lautet sie offenbar: Dann eben Kalifornien.

Natürlich ist das nicht Jens Spahns Schuld.

Aber genau deshalb stellt sich eine unbequeme Frage:

Entsteht hier nicht eine Zwei-Klassen-Familienpolitik?

Die einen unterwerfen sich jahrelangen Prüfungen deutscher Behörden.

Die anderen umgehen das deutsche System vollständig – und kehren anschließend als glückliche Eltern zurück.

Und niemand wagt es, daraus eine politische Debatte zu machen.

Vielleicht liegt das daran, dass Empörung inzwischen weniger vom Sachverhalt abhängt als vom Namen auf der Klingel.

Die eigentliche Nachricht lautet deshalb gar nicht, dass Jens Spahn Vater geworden ist.

Sondern dass in Deutschland offenbar nicht mehr dieselben moralischen Maßstäbe für alle gelten.

Das nennt man wohl Fortschritt.

 

Oder – je nach Parteibuch – schlicht zweierlei Maß.