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Willkommen im Paralleluniversum der politischen Moral

Jens Spahn ist Vater geworden. Herzlichen Glückwunsch. Ernsthaft.

Doch kaum ist die erste Freude ausgesprochen, beginnt die eigentliche Geschichte.

Denn Deutschland erlebt wieder einmal ein faszinierendes Schauspiel: Dieselben Menschen, die sonst jeden moralischen Millimeter vermessen, entdecken plötzlich die Schönheit der Privatsphäre.

Wein schmeckt besser als Wasser.

Der kleine Georg wurde durch eine Leihmutter in den USA geboren. Eine Methode, die in Deutschland verboten ist und über deren ethische Vertretbarkeit seit Jahren leidenschaftlich gestritten wird.

Plötzlich ist davon erstaunlich wenig zu hören.

Keine Grundsatzdebatten. Keine Sondersendungen. Keine moralischen Brandreden.

Stattdessen: Herzchen, Glückwünsche und die Versicherung, das Privatleben eines Politikers gehe schließlich niemanden etwas an.

Interessant.

Denn normalerweise gilt in Berlin ein anderes Prinzip: Wer Regeln für andere macht, muss sich an ihnen messen lassen.

Oder etwa doch nicht?

Jens Spahn hat sich nie als Vorkämpfer für eine Legalisierung der Leihmutterschaft hervorgetan. Nun ermöglicht ausgerechnet dieses Modell ihm den Kinderwunsch.

Das ist legal.

Aber Politik besteht nicht nur aus der Frage, was legal ist.

Sondern auch aus der Frage, welche Maßstäbe man an sich selbst anlegt.

Besonders pikant wird die Geschichte beim Blick auf das deutsche Adoptionsrecht.

Offiziell existiert zwar keine gesetzliche Altersobergrenze für Adoptiveltern. In der Praxis achten Jugendämter jedoch auf einen „natürlichen“ Altersabstand zwischen Eltern und Kind. Wer deutlich älter ist, hat insbesondere bei Säuglingen oft nur noch geringe Vermittlungschancen.

Mit anderen Worten:

Für viele Durchschnittsbürger lautet die Botschaft: Tut uns leid, das Kindeswohl spricht gegen eine Vermittlung.

Für prominente Politiker mit genügend finanziellen Möglichkeiten lautet sie offenbar: Dann eben Kalifornien.

Natürlich ist das nicht Jens Spahns Schuld.

Aber genau deshalb stellt sich eine unbequeme Frage:

Entsteht hier nicht eine Zwei-Klassen-Familienpolitik?

Die einen unterwerfen sich jahrelangen Prüfungen deutscher Behörden.

Die anderen umgehen das deutsche System vollständig – und kehren anschließend als glückliche Eltern zurück.

Und niemand wagt es, daraus eine politische Debatte zu machen.

Vielleicht liegt das daran, dass Empörung inzwischen weniger vom Sachverhalt abhängt als vom Namen auf der Klingel.

Die eigentliche Nachricht lautet deshalb gar nicht, dass Jens Spahn Vater geworden ist.

Sondern dass in Deutschland offenbar nicht mehr dieselben moralischen Maßstäbe für alle gelten.

Das nennt man wohl Fortschritt.

 

Oder – je nach Parteibuch – schlicht zweierlei Maß.