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Tränen für die Welt

 Trockene Augen für Deutschland

Wenn Friedrich Merz über die Ukraine spricht, wird es weich um die Stimme. Die Stirn legt sich in staatsmännische Falten, der Blick geht irgendwohin zwischen Brandenburger Tor und Weltgewissen, und für einen kurzen Moment wirkt es, als müsse jemand dem CDU-Chef diskret ein Taschentuch reichen. Krieg, Leid, globale Verantwortung – all das scheint ihn hörbar zu bewegen.

Krokodilstränen gibt es nur für andere.


Doch dann die große Frage: Warum eigentlich nur dann?

Denn schaltet man um auf innerdeutsche Themen, herrscht emotionale Hochdruck-Trockenheit. Pflegekollaps? Sachlich. Kinderarmut? Ordentlich abgehakt. Wohnungsnot? Markt regelt. Klimasorgen junger Menschen? Ideologieverdacht. Rentenangst? Rechenfehler der Betroffenen.
Kein Zittern, kein Stocken, nicht einmal ein feuchter Augenwinkel.

Man könnte meinen, je weiter ein Problem geografisch entfernt ist, desto näher geht es ihm emotional. Kiew rührt, Kassel nicht. Mariupol berührt, Mannheim bleibt nüchtern. Vielleicht liegt es daran, dass sich bei internationalen Krisen wunderbar über Moral sprechen lässt, ohne sich mit föderalen Zuständigkeiten, Haushaltszahlen oder Lobbyinteressen herumzuschlagen.

Oder anders gesagt:
Außenpolitik erlaubt Pathos — Innenpolitik verlangt Entscheidungen.

Und Entscheidungen, das weiß Merz, machen selten feuchte Augen, sondern trockene Schlagzeilen. Wer im Inland Emotionen zeigt, könnte ja plötzlich Mitgefühl entwickeln. Oder gar Zweifel. Schlimmstenfalls Empathie.

So bleibt das Bild eines Politikers, der beim Blick auf die Welt leidet —
aber beim Blick auf Deutschland lieber rechnet.

Tränen sind schließlich kein Standortfaktor.