Endlich! Diesmal wirklich. Ehrlich.
Es ist wieder einer dieser historischen Momente. Morgen präsentiert die Rentenkommission ihre Vorschläge – und die Spannung im Land ist mit Händen zu greifen. Man könnte fast meinen, Weihnachten, Ostern und die Fußball-WM fielen auf denselben Tag.
Denn eines wissen wir alle: Diesmal wird das Rentenproblem endgültig gelöst.
Nicht so wie beim letzten Mal. Oder beim vorletzten Mal. Oder bei den zahlreichen Expertenräten, Zukunftskommissionen, Nachhaltigkeitsbeiräten und Reformdialogen, deren wichtigste Hinterlassenschaft ein mehrere hundert Seiten starker Abschlussbericht war, der anschließend zuverlässig in einem Ministeriumsschrank den wohlverdienten Ruhestand antreten durfte.
Nein. Diesmal ist alles anders.
Diesmal wurde schließlich eine Kommission eingesetzt, um die Ergebnisse früherer Kommissionen auszuwerten und daraus Empfehlungen für die Politik zu formulieren. Ein Verfahren von geradezu mathematischer Eleganz. Wer braucht schon Reformen, wenn man Arbeitsgruppen hat?
Sie meinen es gut mit den normalen Arbeitnehmern.
Besonders bemerkenswert ist die Zusammensetzung der Runde. Wer nach Menschen sucht, die morgen früh um sechs in der Montagehalle stehen, mit 30 Kilogramm Material aufs Gerüst klettern oder in der Nachtschicht Patienten versorgen und dabei bis weit über 67 durchhalten sollen, braucht gute Augen. Dafür ist die Dichte an Politikern, Funktionären, Professoren, Verwaltungs- und Verbandsexperten beeindruckend hoch. Über längere Lebensarbeitszeiten anderer lässt sich in einer solchen Atmosphäre naturgemäß besonders unvoreingenommen diskutieren.
Die Erwartungen sind entsprechend gigantisch. Endlich werden wir erfahren, wie man gleichzeitig:
– das Rentenniveau stabil hält,
– die Beiträge niedrig hält,
– den Bundeshaushalt entlastet,
– früher in Rente gehen kann,
– später in Rente gehen soll,
– und selbstverständlich niemand schlechter gestellt wird.
Man fragt sich unwillkürlich, weshalb noch niemand früher auf diese brillante Kombination gekommen ist.
Besonders erfreulich ist, dass alle Beteiligten bereits vor Veröffentlichung betonen, wie ausgewogen, generationengerecht und zukunftsfest die Vorschläge seien. Das sind jene magischen politischen Adjektive, die zuverlässig signalisieren, dass sich irgendjemand auf erhebliche Zumutungen einstellen darf – nur ist noch nicht ganz klar, wer.
Die Opposition blickt daher voller Zuversicht auf den morgigen Tag. Ganz bestimmt wird diesmal nicht lediglich festgestellt, dass die Menschen länger leben, weniger Kinder geboren werden und das Geld trotzdem nicht vom Himmel fällt. Solche Banalitäten wären einer hochkarätigen Kommission schließlich nicht angemessen.
Nein, wir rechnen fest mit revolutionären Erkenntnissen.
Vielleicht entdeckt man endlich den lange gesuchten Geldbaum im Berliner Regierungsviertel. Oder die Demografie beschließt aus Einsicht, künftig etwas kooperativer zu verlaufen.
Und falls all das wider Erwarten nicht eintreten sollte, bleibt immer noch der bewährte Plan B: eine neue Kommission. Schließlich muss irgendjemand die Ergebnisse der jetzigen Kommission sorgfältig evaluieren, kritisch begleiten und anschließend Empfehlungen für die nächste Legislaturperiode formulieren.
Kontinuität ist schließlich auch ein Wert.
Bis dahin dürfen sich die Bürgerinnen und Bürger entspannt zurücklehnen. Denn eines ist sicher: Morgen beginnt ein neues Kapitel der Rentengeschichte.
Der ganz große Wurf.
Diesmal wirklich.
Ganz bestimmt.
Versprochen.

