Warum Friedrich Merz dem Märchenhelden nicht das Wasser reichen kann

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Es gibt Vergleiche, die sind so naheliegend, dass man sie kaum noch hinterfragt. Friedrich Merz und Pinocchio beispielsweise. Der eine verspricht etwas, der andere bekommt eine lange Nase. Der eine erzählt, der andere wird entlarvt. Eine wunderbare Vorlage für politische Satire.
Doch bei genauerem Hinsehen muss man feststellen: Dieser Vergleich ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit – gegenüber Pinocchio.
Pinocchio wollte ein richtiger Mensch werden
Pinocchio war ein kleiner Holzjunge mit großen Träumen. Er wollte dazugehören, wollte ein richtiger Mensch werden und musste auf seinem Weg lernen, dass man mit Lügen, leeren Versprechungen und falschen Freunden nicht besonders weit kommt.
Natürlich machte er Fehler. Er ließ sich verführen, vertraute den Falschen und geriet immer wieder in Schwierigkeiten. Aber Pinocchio hatte eine entscheidende Schwäche, die ihn gleichzeitig sympathisch machte: Er besaß ein Gewissen.
Wenn er log, wuchs seine Nase. Wenn er sich falsch verhielt, musste er die Konsequenzen tragen. Und irgendwann begriff er, dass man Verantwortung nicht einfach an andere delegieren kann.
Friedrich Merz hingegen hat die politische Karriereleiter längst erklommen. Er ist Bundeskanzler geworden, ohne dass ihm dafür eine einzige Holzschicht entfernt werden musste.
Und während Pinocchio wenigstens noch den Wunsch hatte, ein besserer Mensch zu werden, scheint Merz vor allem daran interessiert zu sein, ein möglichst erfolgreicher Kanzler zu bleiben.
Das Wahlversprechen: Ein Märchen mit offenem Ende
Erinnern wir uns an das große Versprechen, mit dem Merz im Wahlkampf auftrat: die sogenannte Remigration.
Ein Begriff, der bei seinen Anhängern Hoffnungen weckte und bei seinen Gegnern erhebliche Befürchtungen auslöste. Merz präsentierte sich als Politiker, der endlich durchgreifen werde. Schluss mit der bisherigen Migrationspolitik, Schluss mit den Ausreden, Schluss mit dem politischen Weiter-so.
Und dann kam die Regierungswirklichkeit.
Plötzlich mussten Kompromisse geschlossen, Koalitionspartner berücksichtigt und politische Versprechen in die Welt der realisierbaren Maßnahmen übersetzt werden.
Das ist in einer Demokratie grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Wahlversprechen sind schließlich keine Naturgesetze, und Regierungsarbeit besteht nicht darin, jedes Wahlkampfwort ungeachtet aller Umstände in die Tat umzusetzen.
Doch für einen Politiker, der sich so gerne als Mann der klaren Ansagen präsentiert, ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders unangenehm.
Pinocchio hätte vermutlich wenigstens zugegeben, dass er sich übernommen hat.
Merz dagegen darf sich fragen lassen, ob sein Wahlversprechen jemals mehr war als ein politischer Köder, der nach der Wahl diskret wieder vom Haken genommen wurde.
Die Märchenfigur wurde für ihre Lügen bestraft. In der Politik hingegen kann es offenbar schon als Erfolg gelten, wenn sich nach der Wahl niemand mehr so genau an die ursprüngliche Geschichte erinnern möchte.
Die Nase wächst – aber nur in der Opposition
Bei Pinocchio war die Sache denkbar einfach: Eine Lüge, eine längere Nase.
Ein herrlich unkompliziertes System. Keine Talkshows, keine Pressekonferenzen, keine nachgeschobenen Erläuterungen durch Regierungssprecher.
Bei Friedrich Merz ist das komplizierter.
Wenn ein Versprechen nicht eingehalten wird, ist es plötzlich ein Missverständnis. Wenn eine Aussage nicht mehr zur aktuellen Regierungspolitik passt, war sie angeblich anders gemeint. Und wenn die Realität den eigenen Ankündigungen widerspricht, muss man eben erklären, dass die Dinge in der Zwischenzeit etwas komplizierter geworden sind.
Man könnte beinahe meinen, die politische Nase wachse nicht nach der Wahrheit, sondern nach der Zahl der notwendigen Pressekonferenzen.
Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Pinocchio konnte seine Nase nicht verstecken.
In Berlin dagegen lässt sich selbst die größte politische Verrenkung noch hinter einer sorgfältig formulierten Pressemitteilung verbergen.
Ein Kanzler ohne Jiminy Grille?
Pinocchio hatte Jiminy Grille, sein moralisches Gewissen auf zwei Beinen. Einen kleinen Begleiter, der ihm ins Ohr flüsterte, wenn er wieder einmal dabei war, sich in Schwierigkeiten zu bringen.
Man darf sich fragen, wer diese Rolle im politischen Umfeld von Friedrich Merz übernimmt.
Vielleicht der Koalitionspartner? Vielleicht die Umfragewerte? Vielleicht die Realität, die sich leider nicht immer an die Vorstellungen des Kanzleramtes hält?
Denn ein politisches Gewissen wäre durchaus hilfreich, wenn man sich selbst als Vertreter einer neuen politischen Ehrlichkeit präsentiert.
Wer den Bürgern vor der Wahl große Veränderungen verspricht, muss sich nach der Wahl erklären lassen, warum diese Veränderungen plötzlich kleiner ausfallen. Wer anderen politische Unzuverlässigkeit vorwirft, sollte sich an den eigenen Maßstäben messen lassen.
Und wer sich als Kanzler der Verantwortung versteht, sollte nicht erst dann an seine Verantwortung erinnert werden müssen, wenn die nächste Schlagzeile droht.
Pinocchio hatte wenigstens einen moralischen Kompass.
Ob Friedrich Merz einen besitzt, lässt sich von außen nicht beurteilen. Dass er ihn gelegentlich öffentlich vorzeigen könnte, wäre allerdings kein Schaden.
Vom Holzjungen zum Staatsmann – oder umgekehrt?
Das eigentlich Tragische an diesem Vergleich ist, dass Pinocchio im Laufe seiner Geschichte eine Entwicklung durchmacht.
Er beginnt als unvollkommene Figur, macht Fehler, lernt dazu und wird schließlich zu einem richtigen Jungen.
Bei Friedrich Merz hingegen stellt sich zunehmend die Frage, ob der politische Entwicklungsprozess in die entgegengesetzte Richtung verläuft.
Er trat mit dem Anspruch an, Deutschland zu verändern. Er wollte Führung zeigen, Vertrauen zurückgewinnen und die politische Glaubwürdigkeit stärken.
Doch je größer der Abstand zwischen seinen Ankündigungen und den tatsächlichen Ergebnissen wird, desto mehr drängt sich eine unangenehme Frage auf:
Ist das noch die versprochene politische Wende – oder lediglich ein Märchen, dessen Ende nach der Wahl neu geschrieben wurde?
Natürlich ist ein Bundeskanzler kein Märchenheld. Er muss mit Koalitionspartnern verhandeln, wirtschaftliche Zwänge berücksichtigen und Entscheidungen treffen, die sich nicht immer in einfachen Wahlkampfslogans zusammenfassen lassen.
Aber gerade deshalb sollte ein Kanzler mit seinen Versprechen vorsichtig umgehen.
Denn die Bürger sind keine Statisten in einem politischen Märchen. Sie sind diejenigen, die am Ende mit den Folgen leben müssen.
Pinocchio, entschuldige bitte!
Vielleicht sollten wir Friedrich Merz künftig nicht mehr mit Pinocchio vergleichen.
Nicht, weil der Vergleich zu bissig wäre. Sondern weil er der Märchenfigur Unrecht tut.
Pinocchio war ein Lügner, aber er wollte sich ändern. Er hatte ein Gewissen, er lernte aus seinen Fehlern und er übernahm am Ende Verantwortung.
Er musste sich seine Glaubwürdigkeit mühsam erarbeiten.
Friedrich Merz hingegen hat die Glaubwürdigkeit bereits vor der Wahl versprochen. Nun muss er zeigen, dass er sie auch nach der Wahl noch besitzt.
Und sollte ihm das nicht gelingen, dann wäre es vielleicht an der Zeit, einen anderen Vergleich zu bemühen.
Wie wäre es mit dem Zauberer von Oz?
Einem Mann, der hinter einem Vorhang große Autorität ausstrahlt, während sich bei genauerem Hinsehen herausstellt, dass die Inszenierung deutlich beeindruckender ist als das, was dahintersteckt.
Wobei auch dieser Vergleich unfair wäre.
Denn der Zauberer von Oz hatte wenigstens den Mut, sich am Ende zu erkennen zu geben.
Pinocchio dagegen hatte eine lange Nase, aber immerhin ein gutes Herz.
Und Friedrich Merz?
Der hat bislang vor allem bewiesen, dass man auch ohne eine einzige sichtbare Holzfaser eine bemerkenswert hölzerne Politik machen kann.
Armer Pinocchio. Nicht einmal im Märchen hätte er verdient, mit diesem Kanzler verwechselt zu werden.
