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Der Unersetzliche

Oder: Warum ausgerechnet Friedrich Merz unantastbar sein soll

Es sind nur Gerüchte, heißt es. Friedrich Merz könne als Bundeskanzler abgelöst werden. Eine absurde Vorstellung. Schließlich läuft doch alles wie am Schnürchen – jedenfalls, wenn man Umfragen, Schlagzeilen und die Stimmung im Land konsequent ignoriert.

Man muss sich die Dreistigkeit einmal vorstellen: Da sinken die Zustimmungswerte, in der eigenen Partei wird hinter vorgehaltener Hand über Alternativen gesprochen, und tatsächlich wagen manche Menschen die Frage, ob der Kanzler noch der Richtige ist. Welch ungeheurer Mangel an Wertschätzung!

Fast keiner zweifelt an Fritz.

Dabei hat Merz doch eindrucksvoll gezeigt, dass man selbstbewusst regieren kann, ohne sich von lästigen Dingen wie öffentlicher Zustimmung aus der Ruhe bringen zu lassen. Wer braucht schon Rückenwind, wenn man den Gegenwind einfach zur neuen politischen Leitlinie erklärt?

Die CDU versichert selbstverständlich, es gebe keinerlei Ablösungspläne. Das ist ungefähr so beruhigend wie die Durchsage auf einem Kreuzfahrtschiff: „Es besteht keinerlei Grund zur Sorge“, während die Besatzung bereits die Rettungsboote poliert.

Besonders faszinierend ist das Schauspiel hinter den Kulissen. Offiziell herrscht Einigkeit. Inoffiziell scheint die größte Herausforderung darin zu bestehen, diese Einigkeit jeden Morgen aufs Neue zu organisieren. Kaum erscheint eine schlechte Umfrage, wachsen in den Fluren der Partei plötzlich erstaunlich viele Menschen heran, die schon immer das Zeug zum Kanzler gehabt haben.

Und Merz? Er wirkt dabei wie der Kapitän eines Schiffes, der stolz verkündet, der Kurs sei exakt richtig – obwohl die Passagiere längst Google Maps eingeschaltet haben.

Die politische Kommunikation gleicht inzwischen einem Zaubertrick. Aus einer Niederlage wird eine „Herausforderung“. Aus einer Kehrtwende wird „pragmatische Anpassung“. Aus einem Absturz in den Umfragen wird der Beweis dafür, dass man sich nicht von der öffentlichen Meinung treiben lässt. Diese Logik ist so elegant, dass man sich fragt, warum überhaupt noch Wahlen stattfinden. Eine Pressemitteilung würde doch völlig reichen.

Die eigentliche Satire schreibt allerdings die Partei selbst. Jahrelang wurde der starke Manager versprochen, der aufräumt, führt und Deutschland wieder nach vorne bringt. Herausgekommen ist eine Regierung, die regelmäßig den Eindruck vermittelt, sie müsse sich morgens erst darauf verständigen, wer heute eigentlich das Steuer in der Hand hält.

Sollte Merz tatsächlich im Amt bleiben, wird man das als Beweis seiner Führungsstärke verkaufen. Sollte er ersetzt werden, war der Wechsel natürlich seit Monaten Teil eines genialen Masterplans. In der Politik verliert schließlich niemand – manche gewinnen nur rückwärts.

Bleibt also die entscheidende Frage: Wie konnte überhaupt jemand auf die Idee kommen, an Friedrich Merz‘ Kompetenz oder Performance zu zweifeln?

Vielleicht, weil Wähler manchmal eine erstaunlich altmodische Erwartung haben: Sie messen Regierungen nicht an Pressekonferenzen, sondern an Ergebnissen. Welch unerquicklich konservative Vorstellung.

Bis dahin gilt: Der Kanzler ist selbstverständlich fest im Sattel. Und wenn in Berlin doch irgendwann hektisch an einem neuen Reiter gesucht wird, dann vermutlich nur, weil das Pferd plötzlich so unruhig geworden ist.

Wenn neue Gesichter alte Probleme verdecken sollen

Kabinett nach dem Prinzip „Reise nach Jerusalem“ 

Es ist wieder so weit: In Berlin werden Stühle gerückt. Wer gestern noch Minister war, sitzt heute im Kanzleramt. Wer gestern Parteistratege war, trägt morgen Ministerkoffer. Und wer gestern noch als Hoffnungsträger galt, wird heute elegant aus dem Rampenlicht geschoben. Willkommen beim großen Sommer-Spezial der Bundesregierung: „Kabinett tauschen statt Politik ändern.“

Offiziell heißt es natürlich, Bundeskanzler Friedrich Merz wolle seine Mannschaft „schlagkräftiger“ aufstellen. Ein bemerkenswerter Satz. Denn wenn nach wenigen Monaten bereits ein umfangreicher Umbau nötig ist, drängt sich eine unbequeme Frage auf: War die erste Mannschaft etwa nicht schlagkräftig – oder trifft sie schlicht auf eine Realität, die sich nicht mit Pressekonferenzen beeindrucken lässt?

Besonders auffällig ist das Timing. Die Umfragewerte entwickeln sich nicht gerade in die Richtung, die man sich im Konrad-Adenauer-Haus auf Hochglanzfolien ausmalt. Gleichzeitig rücken wichtige Landtagswahlen näher. Da wirkt der personelle Neustart weniger wie ein lange geplanter strategischer Schritt und mehr wie der Versuch, den Wählern zuzurufen: „Schaut her! Alles neu!“ – obwohl sich am politischen Kurs kaum etwas ändert.

Denn seien wir ehrlich: Neue Namensschilder an den Bürotüren senken weder Energiepreise noch beschleunigen sie Genehmigungen, lösen Wohnungsnot oder stopfen Haushaltslöcher. Die Bürger interessieren sich am Ende nicht dafür, wer welchen Dienstwagen übernimmt, sondern ob sich ihr eigener Alltag verbessert.

Besonders kreativ ist die Personalpolitik ohnehin nicht. Man gewinnt den Eindruck, der Talentpool besteht aus einem überschaubaren Kreis bekannter Gesichter, die je nach Wetterlage zwischen Partei, Fraktion, Ministerium und Kanzleramt rotieren. Politisches Musical Chairs statt echter Erneuerung.

Natürlich wird jeder Wechsel als großer Aufbruch verkauft. Der neue Minister bringt frischen Wind. Die neue Kanzleramtschefin sorgt für neue Dynamik. Der neue Fraktionschef steht für Geschlossenheit. In der politischen Übersetzung bedeutet das häufig: Man hofft, dass die Schlagzeilen über Personal länger halten als die Diskussion über die eigentlichen Probleme.

Bleibt die Frage, die viele Wähler inzwischen stellen dürften: Handelt es sich um einen echten Neustart – oder lediglich um kosmetische Reparaturen kurz vor den nächsten Wahlen?

Sollten die Umfragewerte tatsächlich der entscheidende Taktgeber gewesen sein, wäre das ein bemerkenswertes Signal. Nicht die Sorgen der Bürger hätten dann den Umbau ausgelöst, sondern die Sorge um den eigenen Stimmenanteil. Das wäre zwar politisch nachvollziehbar – Vertrauen schafft es allerdings kaum.

Vielleicht überrascht uns die neue Mannschaft ja tatsächlich mit durchgreifenden Reformen. Vielleicht wird aus dem Stühlerücken eine Erfolgsgeschichte. Vielleicht.

Bis dahin bleibt jedoch der Eindruck, dass in Berlin vor allem eines ausgetauscht wurde: die Namensschilder. Und dass man hofft, die Wähler würden den Unterschied zwischen einem neuen Gesicht und einer neuen Politik übersehen.

Masken runter! – Jens Spahn findet endlich den Ausgang

Es ist passiert. Jens Spahn tritt als Fraktionschef zurück. Nicht wegen der Masken. Nicht wegen der Milliarden. Nicht wegen all der Untersuchungsausschüsse, Aktenordner und Schlagzeilen, die seinen politischen Lebenslauf dekorieren wie Lametta einen Weihnachtsbaum.

Nein.

Ausgerechnet die Glaubwürdigkeit hat ihn erwischt.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Jahrelang galt Spahn als politisches Stehaufmännchen. Egal, was passierte – Maskenbeschaffung, Milliardenrisiken, öffentliche Kritik oder parlamentarische Aufarbeitung –, Jens Spahn stand da wie ein FFP2-Maskenkarton im Keller eines Ministeriums: irgendwie immer noch vorhanden und erstaunlich widerstandsfähig.

Ein Skandal zuviel.

Doch dann kam ausgerechnet die Erkenntnis, dass Glaubwürdigkeit vielleicht doch kein optionales Ausstattungsmerkmal eines Fraktionsvorsitzenden ist.

Wer hätte das ahnen können?

Die offizielle Begründung lautet, die Debatte um seine private Familiengründung belaste das Amt. Das mag sein. Aber der politische Beobachter fragt sich unweigerlich, ob das Fass nicht schon seit Jahren randvoll war und lediglich auf den berühmten letzten Tropfen wartete.

Denn über Jens Spahns politische Karriere schwebt bis heute der lange Schatten der Maskenaffäre. Milliarden wurden ausgegeben, Beschaffungen verliefen chaotisch, Gerichte beschäftigen sich bis heute mit den finanziellen Folgen, Untersuchungsausschüsse förderten zahlreiche unbequeme Fragen zutage – und der Steuerzahler durfte sich einmal mehr als Hauptsponsor staatlicher Improvisationskunst fühlen.

Man könnte fast meinen, in Berlin gäbe es ein eigenes Ministerium für das Verlegen politischer Verantwortung. Zuständig für Lagerung, Umverteilung und anschließendes kollektives Vergessen.

Jetzt also der Rücktritt.

Natürlich nicht ganz. Das Bundestagsmandat bleibt. Man geht schließlich nicht freiwillig ganz von der Bühne, wenn im Zuschauerraum noch Kameras stehen.

Innerhalb der Union beginnt nun das traditionelle Spiel „Reise nach Jerusalem“. Nur dass diesmal jeder hofft, am Ende nicht auf Spahns Stuhl sitzen zu müssen. Denn der kommt inzwischen mit eingebauter Krisenhistorie.

Und die Partei? Sie bedankt sich artig für die geleistete Arbeit. Das gehört sich so. Politiker verabschieden sich schließlich selten mit den Worten: „Das wurde jetzt aber auch höchste Zeit.“

Von den Oppositionsbänken dürfte dagegen leises Husten zu hören sein. Oder ist das schallendes Gelächter? Schwer zu unterscheiden. Jedenfalls wird dort niemand ernsthaft behaupten, man habe den Fraktionschef zu Fall gebracht. Warum auch? Wenn sich die Union selbst derart zuverlässig ins Knie schießt, wäre jede fremde Hilfe reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Masken können eine erstaunlich lange Lebensdauer haben. Manche schützen vor Viren. Manche vor unangenehmen Fragen. Und manche fallen eben erst dann, wenn der Applaus längst verklungen ist.

Vorhang zu. Maske ab.

Willkommen im Paralleluniversum der politischen Moral

Jens Spahn ist Vater geworden. Herzlichen Glückwunsch. Ernsthaft.

Doch kaum ist die erste Freude ausgesprochen, beginnt die eigentliche Geschichte.

Denn Deutschland erlebt wieder einmal ein faszinierendes Schauspiel: Dieselben Menschen, die sonst jeden moralischen Millimeter vermessen, entdecken plötzlich die Schönheit der Privatsphäre.

Wein schmeckt besser als Wasser.

Der kleine Georg wurde durch eine Leihmutter in den USA geboren. Eine Methode, die in Deutschland verboten ist und über deren ethische Vertretbarkeit seit Jahren leidenschaftlich gestritten wird.

Plötzlich ist davon erstaunlich wenig zu hören.

Keine Grundsatzdebatten. Keine Sondersendungen. Keine moralischen Brandreden.

Stattdessen: Herzchen, Glückwünsche und die Versicherung, das Privatleben eines Politikers gehe schließlich niemanden etwas an.

Interessant.

Denn normalerweise gilt in Berlin ein anderes Prinzip: Wer Regeln für andere macht, muss sich an ihnen messen lassen.

Oder etwa doch nicht?

Jens Spahn hat sich nie als Vorkämpfer für eine Legalisierung der Leihmutterschaft hervorgetan. Nun ermöglicht ausgerechnet dieses Modell ihm den Kinderwunsch.

Das ist legal.

Aber Politik besteht nicht nur aus der Frage, was legal ist.

Sondern auch aus der Frage, welche Maßstäbe man an sich selbst anlegt.

Besonders pikant wird die Geschichte beim Blick auf das deutsche Adoptionsrecht.

Offiziell existiert zwar keine gesetzliche Altersobergrenze für Adoptiveltern. In der Praxis achten Jugendämter jedoch auf einen „natürlichen“ Altersabstand zwischen Eltern und Kind. Wer deutlich älter ist, hat insbesondere bei Säuglingen oft nur noch geringe Vermittlungschancen.

Mit anderen Worten:

Für viele Durchschnittsbürger lautet die Botschaft: Tut uns leid, das Kindeswohl spricht gegen eine Vermittlung.

Für prominente Politiker mit genügend finanziellen Möglichkeiten lautet sie offenbar: Dann eben Kalifornien.

Natürlich ist das nicht Jens Spahns Schuld.

Aber genau deshalb stellt sich eine unbequeme Frage:

Entsteht hier nicht eine Zwei-Klassen-Familienpolitik?

Die einen unterwerfen sich jahrelangen Prüfungen deutscher Behörden.

Die anderen umgehen das deutsche System vollständig – und kehren anschließend als glückliche Eltern zurück.

Und niemand wagt es, daraus eine politische Debatte zu machen.

Vielleicht liegt das daran, dass Empörung inzwischen weniger vom Sachverhalt abhängt als vom Namen auf der Klingel.

Die eigentliche Nachricht lautet deshalb gar nicht, dass Jens Spahn Vater geworden ist.

Sondern dass in Deutschland offenbar nicht mehr dieselben moralischen Maßstäbe für alle gelten.

Das nennt man wohl Fortschritt.

 

Oder – je nach Parteibuch – schlicht zweierlei Maß.

Die große Sommermärchenstunde des Kanzlers

Es war wieder so weit: Der Kanzler trat vor die Presse, zog die rosarote Regierungsbrille auf und präsentierte Deutschland, wie es vermutlich nur im Kanzleramt existiert. Ein Land voller Reformen, Aufbruchsstimmung und Erfolgsgeschichten. Wer anschließend vor die Tür ging, musste sich unweigerlich fragen, ob er versehentlich im falschen Deutschland gelandet war.

Den Urlaub hat er sich verdient….

Die Bilanz der Regierung fiel erwartungsgemäß glänzend aus. Man habe geliefert. Man habe modernisiert. Man habe beschleunigt. Man habe entlastet. Das Einzige, was tatsächlich in Rekordtempo wächst, sind allerdings die Listen der Dinge, die noch immer nicht funktionieren.

Besonders faszinierend ist die neue politische Disziplin des Selbstbeifalls. Früher brauchte man für Eigenlob wenigstens Ergebnisse. Heute genügt offenbar eine PowerPoint-Präsentation mit dem Titel „Wir arbeiten daran“.

Der Kanzler sprach von wirtschaftlicher Stärke. Das ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Restaurantbesitzer, der seine Gäste mit den Worten begrüßt: „Das Essen kommt später, aber die Speisekarte sieht hervorragend aus.“

Auch die Rentenpolitik bekam ihren großen Moment. Man hätte bereits vor dreißig Jahren handeln müssen, erklärte der Regierungschef. Eine beeindruckende Erkenntnis. Wenn diese Geschwindigkeit beim Lernen anhält, erkennt man vielleicht bis 2055 auch, dass man 2026 hätte handeln müssen.

Beim Bürokratieabbau wurde erneut Großes versprochen. Das gehört inzwischen zum festen Inventar jeder Regierungserklärung – gleich nach den Floskeln über Wettbewerbsfähigkeit und Digitalisierung. Vermutlich muss inzwischen erst ein Formular ausgefüllt werden, bevor überhaupt über Bürokratieabbau gesprochen werden darf. Vierfach. Mit Stempel.

Die Sozialpolitik klang ebenfalls bemerkenswert entschlossen. Wenn das Geld knapp wird, entdeckt der Staat regelmäßig seine Leidenschaft fürs Sparen – allerdings bevorzugt dort, wo sich Betroffene selten mit teuren Lobbyisten wehren. Das ist politisch bequem und wird anschließend als mutige Reform verkauft. Ein Taschenspielertrick mit Gesetzblatt.

Außenpolitisch gab sich der Kanzler staatsmännisch, im Inland blieb er vor allem Ankündigungsmanager. Die Botschaft lautete sinngemäß: Habt Geduld, die großen Veränderungen kommen. Irgendwann. Vielleicht. Nach der Sommerpause. Oder nach der nächsten. Deutschland wartet inzwischen so lange auf den großen Aufbruch, dass selbst Baustellen schneller fertig werden.

Und natürlich durfte das obligatorische Schulterklopfen nicht fehlen. Die Regierung lobte ihre Geschlossenheit. Das ist auch notwendig, denn irgendjemand muss sie schließlich noch loben.

Am Ende dieser Pressekonferenz blieb vor allem eines zurück: das Gefühl, einer Werbeveranstaltung beigewohnt zu haben. Es fehlte eigentlich nur noch der Hinweis: „Die dargestellten Erfolge können von der Realität abweichen.“

So verabschiedet sich die Regierung in die Sommerferien – mit reichlich Eigenlob im Gepäck und einer Bevölkerung, die sich zunehmend fragt, warum zwischen den vollmundigen Versprechen aus Berlin und ihrem Alltag ein Abstand liegt, der mittlerweile größer ist als manche Haushaltslücke.

Doch eines muss man dem Kanzler lassen: Er beherrscht die seltene Kunst, Stillstand so überzeugend als Aufbruch zu verkaufen, dass man fast vergisst, seit wie vielen Monaten man eigentlich auf Bewegung wartet.