Autorenarchiv: DerlustigeDicke

Euch fehlt nicht 1 Euro!

Merz hat Geld im Überfluss – nur die Deutschen sollen es nicht merken

100 Milliarden Euro für die Ukraine, marode Schulen, kaputte Infrastruktur und eine Sozialpolitik im Dauerstress. Friedrich Merz erklärt, dass das Geld den Deutschen nicht fehlt. Vielleicht sollte ihm das einmal jemand erklären, der seine Rechnungen selbst bezahlen muss.

Alles für eine gute Sache!

Friedrich Merz hat eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Man kann Milliarden ausgeben, ohne dass sie irgendjemandem fehlen. Zumindest dann, wenn man Bundeskanzler ist und die Milliarden in die Ukraine schickt.

Der Steuerzahler darf sich derweil mit einer bescheideneren Realität begnügen. Kommunen müssen sparen, Schulen warten auf Sanierungen und die Infrastruktur versprüht zunehmend den Charme eines unterlassenen Wartungsvertrags. Bei Pflege, Rente und Gesundheitsversorgung wird über knappe Mittel diskutiert. Beim Bürger sind Verzicht und Solidarität gefragt.

Aber bei Milliardenhilfen? Da ist offenbar alles ganz anders.

100 Milliarden Euro – und plötzlich wird nachgerechnet

Die Bundesregierung beziffert ihre bisherige bilaterale Unterstützung für die Ukraine auf rund 100 Milliarden Euro. Eine gewaltige Summe, gerade für ein Land, das im eigenen Haushalt an allen möglichen Stellen finanzielle Engpässe beklagt.

Das Kiel Institut hat am 8. Oktober 2026 genauer hingeschaut. Demnach lassen sich rund 41,7 Milliarden Euro als tatsächliche bilaterale Hilfe für die Ukraine einordnen. Weitere 35,9 Milliarden Euro wurden in Deutschland ausgegeben, größtenteils für ukrainische Geflüchtete. Rund 22 Milliarden Euro entfallen auf künftige militärische Zusagen.

Die plakative Zahl von 100 Milliarden Euro ist also nicht gleichbedeutend mit 100 Milliarden Euro, die bereits in der Ukraine angekommen sind.

Und nein, damit ist nicht bewiesen, dass die Differenz verschwunden oder gestohlen worden wäre. Aber es wirft eine naheliegende Frage auf: Warum wird mit einer gigantischen Gesamtsumme Politik gemacht, während die tatsächlichen Ausgaben, Verpflichtungen und Empfänger erst mühsam auseinanderdividiert werden müssen?

Wer mit dem Geld der Steuerzahler arbeitet, sollte nicht nur große Zahlen präsentieren können. Er sollte auch erklären können, was damit konkret erreicht wurde.

Wo sind die Milliarden geblieben?

Die Frage ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Die Ukraine hat seit Jahren mit Korruption zu kämpfen. Im November 2025 erschütterte ein großer Korruptionsskandal im Umfeld des staatlichen Atomenergieunternehmens Energoatom das Land. Es ging um mutmaßliche Schmiergeldzahlungen in einem Umfang von bis zu 100 Millionen US-Dollar. Der Skandal führte zu Rücktritten und neuen Fragen über die politische Verantwortung.

Das ist kein Beweis dafür, dass deutsche Hilfsgelder in diesem Fall veruntreut wurden. Genau diese Verbindung darf man ohne Belege nicht behaupten.

Aber es ist ein Beleg dafür, dass Korruption in einem Land, das enorme internationale Unterstützung erhält, ein reales Problem ist.

Auch die amerikanische Rechnungskontrolle hat Schwachstellen festgestellt. Ein Bericht des US-Entwicklungshilfeinspekteurs vom März 2026 kam zu dem Schluss, dass die Kontrollmechanismen bei direkten Budgethilfen nur begrenzte Sicherheit darüber boten, dass die Mittel wie vorgesehen eingesetzt wurden. Die amerikanische Rechnungskontrollbehörde GAO dokumentierte zudem Schwierigkeiten bei der Überwachung und Bewertung nichtmilitärischer Hilfsprogramme.

Das heißt nicht, dass die Hilfen insgesamt zweckentfremdet wurden. Es heißt aber, dass Kontrolle im Krieg schwierig ist und die Wirksamkeit der eingesetzten Milliarden nicht immer lückenlos nachgewiesen werden kann.

Und jetzt stellen wir uns einmal vor, ein deutscher Bürger würde bei seiner Steuererklärung erklären, er habe zwar eine erhebliche Summe ausgegeben, könne aber nicht für jeden Euro nachvollziehbar belegen, was daraus geworden sei.

Wie viel Verständnis dürfte er erwarten?

Wer Milliarden verteilt, muss auch Milliarden kontrollieren. Solidarität ist kein Freibrief für mangelnde Transparenz.

Gegen Russland gewinnen? Oder nur immer weiterzahlen?

Damit kommen wir zur vielleicht unangenehmsten Frage.

Was genau ist eigentlich das politische Ziel dieser gewaltigen Unterstützung? Die Ukraine verteidigungsfähig halten? Einen Waffenstillstand zu besseren Bedingungen ermöglichen? Russland zur Aufgabe besetzter Gebiete zwingen? Oder einen militärischen Sieg erreichen, der Moskau zur Niederlage zwingt?

Das sind vollkommen unterschiedliche Ziele. Und sie verlangen unterschiedliche Strategien.

Russland ist eine Atommacht mit enormen militärischen Ressourcen. Die Ukraine kämpft um ihre territoriale Integrität und hat jedes Recht, sich gegen den russischen Angriff zu verteidigen. Westliche Unterstützung kann dazu beitragen, einen russischen Sieg zu verhindern und die ukrainische Verhandlungsposition zu stärken.

Aber einen Krieg gegen Russland tatsächlich zu gewinnen, ist eine andere Frage.

Eine 2026 veröffentlichte wissenschaftliche Analyse kommt zu dem Schluss, dass selbst umfangreiche westliche Hilfe wahrscheinlich nicht ausgereicht hätte, um Russland zu einer Niederlage zu zwingen, die sämtliche zentralen Kriegsziele der Ukraine erfüllt.

Das sollte zu einer ehrlichen Debatte führen. Nicht zu der Behauptung, Widerstand sei sinnlos. Aber auch nicht zu der politischen Erzählung, man müsse nur lange genug Waffen und Geld liefern, und am Ende werde sich das Problem schon lösen.

Wie sieht der realistische Endpunkt aus?

Wie viele weitere Milliarden sollen fließen? Wie viele Jahre soll der Krieg noch dauern? Welche militärischen Ziele sind tatsächlich erreichbar? Und welches Risiko ist Europa bereit einzugehen, wenn eine direkte Konfrontation zwischen Russland und der NATO eskaliert?

Dass Russland über Atomwaffen verfügt, bedeutet nicht, dass die Ukraine sich nicht verteidigen darf oder jeder Widerstand aussichtslos wäre. Es bedeutet aber, dass die Eskalationsrisiken besonders ernst genommen werden müssen.

Eine verantwortungsvolle Politik muss deshalb militärische Unterstützung und diplomatische Bemühungen zusammendenken. Wer Milliarden ausgibt, sollte erklären können, welche Strategie dahintersteht und woran ihr Erfolg gemessen wird.

Für die Ukraine Milliarden, für Deutschland Durchhalteparolen?

Niemand verlangt, dass Deutschland seine internationale Verantwortung aufgibt. Aber die eigene Bevölkerung darf erwarten, dass ihre Interessen nicht erst dann wichtig werden, wenn die nächste Wahl ansteht.

Wenn Kommunen ihre Aufgaben kaum noch finanzieren können, Schulen verfallen und die soziale Sicherung unter Druck gerät, dann darf ein Kanzler nicht einfach erklären, dass all das mit den Milliardenhilfen nichts zu tun habe und damit sei die Diskussion beendet.

Haushaltstechnisch kann es durchaus stimmen, dass bestimmte Hilfen aus anderen Finanzierungstöpfen kommen oder über zusätzliche Kreditspielräume ermöglicht werden. Aber diese Töpfe wachsen nicht aus dem Nichts. Schulden verursachen Zinsen. Verpflichtungen wirken langfristig. Und staatliche Ressourcen bleiben begrenzt.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob eine bestimmte Überweisung unmittelbar aus dem Bildungsetat stammt.

Die Frage lautet: Welche Prioritäten setzt die Regierung? Welche Ergebnisse erzielt sie mit den Milliarden? Welche Risiken geht sie ein? Und wie erklärt sie den Bürgern, warum für bestimmte Vorhaben enorme Summen bereitstehen, während andere dringende Aufgaben ungelöst bleiben?

Mein Geld ist kein politischer Blankoscheck

Ich zahle Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Ich erwarte dafür keinen Luxus und keine Sonderbehandlung. Ich erwarte einen funktionierenden Staat, vernünftige Prioritäten und eine Regierung, die ihre Entscheidungen nachvollziehbar begründet.

Die Unterstützung der Ukraine kann aus sicherheitspolitischen Gründen sinnvoll sein. Aber daraus folgt nicht, dass jede Summe gerechtfertigt ist, jede weitere Zusage automatisch richtig ist oder jede Kritik moralisch verwerflich wäre.

Wer 100 Milliarden Euro als politische Erfolgszahl präsentiert, muss sich fragen lassen, wie sich diese Summe zusammensetzt. Wer weitere Milliarden verspricht, muss erklären, welche Ziele damit erreicht werden sollen. Und wer Korruption und Kontrollprobleme kennt, muss sicherstellen, dass Hilfen möglichst wirksam und nachvollziehbar eingesetzt werden.

Vor allem aber muss eine Regierung erklären, wie lange ihre Strategie tragfähig ist.

Denn der Steuerzahler ist kein unerschöpflicher Geldautomat. Und seine Geduld ist es auch nicht.

Herr Merz, ich möchte nicht wissen, aus welchem Haushaltstitel Sie das Geld nehmen. Ich möchte wissen, was es bringt, wie Sie den Erfolg messen und wann Sie bereit sind, Ihre Strategie zu überprüfen.

Wenn Sie darauf überzeugende Antworten haben, dann legen Sie sie auf den Tisch.

Bis dahin bleibt der Eindruck, dass die Bundesregierung Milliarden für einen Krieg mobilisieren kann, dessen realistisches Ende sie nicht überzeugend erklären muss, während sie den Menschen im eigenen Land erzählt, sie sollten sich wegen ihrer finanziellen Sorgen keine falschen Vorstellungen machen.

Vielleicht fehlt das Geld den Deutschen tatsächlich nicht unmittelbar im Sozialetat.

Aber es fehlt ihnen an anderer Stelle. Und vor allem fehlt ihnen eine Politik, die ihnen endlich wieder das Gefühl gibt, dass mit ihrem Geld ebenso verantwortungsvoll umgegangen wird wie mit den großen Versprechen der Regierung.

Brandmauer in Flammen?

Vier Kreuzchen und die große SPD-Panik

Sachsen-Anhalt hat einen AfD-Landtagspräsidenten – und in Berlin wird bereits der politische Feuerlöscher gesucht. Besonders die SPD scheint angesichts von vier geheimnisvollen Stimmen den Untergang der Demokratie zu wittern. Die CDU darf sich derweil fragen lassen, warum sie eigentlich so nervös wirkt.

Es war ein historischer Moment im Landtag von Sachsen-Anhalt: Tobias Rausch von der AfD wurde zum Landtagspräsidenten gewählt.

48 Abgeordnete stimmten für ihn.

AfD und BSW verfügen zusammen allerdings nur über 44 Sitze.

Vier Stimmen sind also irgendwo falsch abgebogen.

Und schon beginnt die politische Schnitzeljagd.

Er wird die Verräter finden!

Die CDU und das Geheimnis der vier Stimmen

Natürlich liegt der Verdacht nahe, dass zumindest einige CDU-Abgeordnete für Rausch gestimmt haben könnten.

Nur: Beweisen lässt sich das nicht.

Die Wahl war geheim.

Die CDU hatte ihren Abgeordneten sogar empfohlen, sich zu enthalten. Tatsächlich gab es fünf Enthaltungen aus den Reihen der CDU – wer die übrigen CDU-Abgeordneten gewählt haben, bleibt geheim.

Damit stehen wir vor einem faszinierenden politischen Rätsel:

Wer hat die vier zusätzlichen Kreuzchen gemacht?

Agatha Christie hätte ihre Freude daran.

Vielleicht war es die CDU. Vielleicht waren es einzelne Abgeordnete anderer Parteien. Vielleicht haben sich vier Parlamentarier gedacht: „Ach komm, wird schon nicht auffallen.“

Und tatsächlich wäre es ziemlich bemerkenswert, wenn ausgerechnet eine geheime Wahl anschließend öffentlich vollständig aufgeklärt werden könnte.

Die SPD entdeckt den Ausnahmezustand

Während die CDU versucht, möglichst wenig zu sagen, hat die SPD offenbar beschlossen, umso mehr zu sagen.

Lars Klingbeil spricht von einem „Tabubruch“.

Die SPD überreicht Rausch demonstrativ das Grundgesetz und eine weiße Rose.

Das ist symbolisch natürlich sehr eindrucksvoll.

Man könnte fast meinen, Sachsen-Anhalt habe gerade die Demokratie abgeschafft.

Dabei wurde – soweit bekannt – weder das Grundgesetz verbrannt noch der Landtag aufgelöst.

Es wurde gewählt.

Geheim.

Und zwar ein Landtagspräsident.

Vier Stimmen mehr, als AfD und BSW zusammen besitzen.

Das ist politisch interessant.

Aber ist es wirklich der demokratische Weltuntergang?

Willkommen im Zeitalter der politischen Schnappatmung

Die SPD scheint jedenfalls schon einmal den großen Feuerlöscher bereitgestellt zu haben.

Vielleicht sollte man bei Gelegenheit überprüfen, ob die Brandmeldeanlage inzwischen nicht etwas zu empfindlich eingestellt ist.

Denn wenn vier unbekannte Stimmen bereits einen „Tabubruch“ darstellen, was passiert dann erst, wenn jemand tatsächlich eine Koalition mit der AfD bildet?

Dann vermutlich:

Sirenen. Blaulicht. Sondersendungen. Sondersitzungen. Sondersondersitzungen.

Und vermutlich eine Pressekonferenz mit der Überschrift:

„Deutschland: Bitte bewahren Sie Ruhe.“

Die CDU bekommt trotzdem ihr Fett weg

Ganz unschuldig ist die CDU natürlich nicht.

Nicht, weil bewiesen wäre, dass CDU-Abgeordnete Rausch gewählt haben.

Das ist eben gerade nicht bewiesen.

Sondern weil die ganze Angelegenheit zeigt, wie schwierig die Position der CDU inzwischen geworden ist.

Man kann die AfD nicht wählen.

Man kann sie aber auch nicht daran hindern, gewählt zu werden.

Man darf nicht mit ihr zusammenarbeiten.

Man darf aber natürlich auch nicht jede geheime Abstimmung kontrollieren.

Und wenn plötzlich vier Stimmen auftauchen, die niemand erklären kann, schaut die Öffentlichkeit automatisch auf die CDU.

Das muss für die Christdemokraten ungefähr so angenehm sein wie eine Steuerprüfung kurz vor Weihnachten.

Und dann verliert die SPD auch noch ihren eigenen Vizepräsidenten

Besonders hübsch wird die Geschichte dadurch, dass anschließend der SPD-Kandidat für das Amt des Landtagsvizepräsidenten scheiterte.

48 Abgeordnete stimmten gegen Armin Willingmann.

48!

Exakt so viele, wie zuvor für Rausch gestimmt hatten.

Zufall?

Natürlich.

Vielleicht.

Möglicherweise.

Oder vielleicht auch nicht.

Denn auch diese Wahl war geheim.

Das bedeutet: Niemand weiß es.

Und genau deshalb wäre es vielleicht ganz hilfreich, wenn alle Beteiligten einmal tief durchatmen würden.

Eine geheime Wahl ist kein Mitgliederregister

Das scheint in der aktuellen Aufregung ein wenig unterzugehen.

Bei einer geheimen Wahl soll gerade nicht nachvollziehbar sein, wer wen gewählt hat.

Das ist kein technischer Fehler.

Das ist Absicht.

Wenn also 48 Menschen für Rausch stimmen, kann man zählen.

Wenn man anschließend wissen möchte, welche vier Personen zusätzlich zur AfD und zum BSW für ihn gestimmt haben, stößt man auf ein kleines Problem:

Das Kreuzchen hat keinen Namen.

Skandal!

Demokratie funktioniert tatsächlich wie vorgesehen.

Die große Frage lautet deshalb eigentlich anders

Die interessante politische Frage ist nicht:

„Hat die CDU die AfD gewählt?“

Denn das wissen wir nicht.

Die interessante Frage lautet:

„Warum ist es inzwischen überhaupt denkbar, dass Abgeordnete der CDU oder anderer Parteien einem AfD-Kandidaten ihre Stimme geben?“

Das ist eine legitime politische Debatte.

Darüber kann man diskutieren.

Man kann die Positionen der Parteien vergleichen.

Man kann das Abstimmungsverhalten kritisch hinterfragen.

Aber vielleicht braucht man dafür nicht gleich den Untergang des Abendlandes auszurufen.

Die Brandmauer bekommt einen TÜV-Termin

Vielleicht sollte die deutsche Politik ohnehin einmal überlegen, ob sie den Begriff „Brandmauer“ nicht etwas sparsamer verwendet.

Denn mittlerweile wird jede politische Begegnung mit der AfD behandelt, als würde jemand mit einem Benzinkanister durch den Bundestag laufen.

Dabei gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen:

„Ein AfD-Abgeordneter wird gewählt“

und

„Eine andere Partei bildet mit der AfD eine Regierung.“

Das eine ist passiert.

Das andere ist daraus nicht automatisch entstanden.

Fazit: Vier Stimmen und ein gigantisches politisches Theater

Am Ende bleiben einige bemerkenswerte Fakten:

  • Die AfD stellt in Sachsen-Anhalt erstmals den Landtagspräsidenten.
  • Rausch erhielt 48 Stimmen.
  • AfD und BSW verfügen zusammen über 44 Sitze.
  • Woher die vier zusätzlichen Stimmen kamen, ist wegen der geheimen Wahl nicht bekannt.
  • Die CDU kann nicht wissen, wer was gewählt hat.
  • Und die SPD reagiert, als hätte jemand gerade die Brandmauer persönlich angezündet.

Vielleicht wäre etwas mehr Gelassenheit angebracht.

Denn eine Demokratie muss auch geheime Abstimmungen aushalten.

Und vielleicht sollte man sich gelegentlich daran erinnern:

Nicht jedes unerwartete Wahlergebnis ist gleich der Beginn des Dritten Weltkriegs.

Manchmal sind es einfach nur vier Kreuzchen.

Die spannende Frage ist nur, wer sie gemacht hat.

Und solange das niemand weiß, bleibt der größte Gewinner dieser Geschichte möglicherweise nicht die AfD, nicht die CDU und auch nicht die SPD.

Sondern der gute alte geheime Stimmzettel.

Der hält nämlich dicht.

Doppelmoral auf der Überholspur

Wenn der CDU-Moralapostel plötzlich selbst im Drogenschatten steht

Thomas Bareiß, Cannabis-Kritik, ein schwerer Unfall und eine Partei, die Konsequenzen offenbar lieber in homöopathischen Dosen verabreicht. Willkommen bei der Union, wo Moral großgeschrieben wird – solange man sie nicht selbst buchstabieren muss.

Er strotzt vor Integrität.

Die CDU hat ein besonderes Talent: Sie erklärt der Republik mit erhobenem Zeigefinger, wie sich anständige Menschen zu benehmen haben. Ordnung muss sein! Verantwortung muss sein! Und wer sich nicht an die Regeln hält, muss eben die Konsequenzen tragen!

Jedenfalls dann, wenn er nicht gerade selbst zur politischen Familie gehört.

Der erhobene Zeigefinger hat offenbar einen toten Winkel

Der aktuelle Fall heißt Thomas Bareiß. Der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Baden-Württemberg steht nach einem schweren Verkehrsunfall im Juli unter Verdacht, den Unfall unter dem Einfluss einer synthetischen Droge verursacht zu haben. Eine Blutanalyse führte zu Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Straßenverkehrsgefährdung und fahrlässigen Körperverletzung.

Wichtig: Bei Bareiß handelt es sich bislang um einen Verdacht. Die Unschuldsvermutung gilt. Welche Substanz genau nachgewiesen wurde, ist öffentlich weiterhin nicht bekannt.

Und jetzt kommt der Teil, bei dem man sich als politischer Beobachter unwillkürlich die Augen reibt.

Bareiß war in der Vergangenheit kein Freund einer lockeren Haltung gegenüber Cannabis und Straßenverkehr. Nach der Cannabis-Teillegalisierung 2024 kritisierte er die damalige Empfehlung, den THC-Grenzwert im Straßenverkehr auf 3,5 Nanogramm anzuheben. Seine Botschaft: Konsum und Verkehrssicherheit seien schwer unter einen Hut zu bekommen.

Das ist als allgemeiner Grundsatz durchaus nachvollziehbar. Wer berauscht Auto fährt, gefährdet andere. Ganz egal, ob die Substanz Cannabis, ein synthetisches Betäubungsmittel oder etwas anderes ist.

Nur bekommt dieser Grundsatz einen bitteren Beigeschmack, wenn ausgerechnet ein Politiker, der öffentlich vor Drogen im Straßenverkehr warnt, selbst mit einem entsprechenden Verdacht konfrontiert wird.

Natürlich ist der Verdacht kein Schuldspruch. Aber die politische Ironie ist auch ohne vorweggenommenes Urteil kaum zu übersehen.

Der Moralzeigefinger zeigt eben besonders überzeugend nach vorne – solange man nicht plötzlich feststellen muss, dass die eigene Hand am anderen Ende des Arms hängt.

Cannabis böse, synthetische Drogen noch böser – und die eigene Partei plötzlich ganz still?

Die Union hat die Cannabis-Legalisierung politisch scharf kritisiert. Dabei ging es um Jugendschutz, Gesundheit und Verkehrssicherheit. Über diese Fragen kann und soll man streiten.

Doch wenn es um den möglichen Drogenkonsum im eigenen politischen Umfeld geht, beginnt eine andere Disziplin: die Kunst des vorsichtigen Formulierens.

Aus dem lauten Ruf nach Ordnung wird plötzlich ein leises „Das Verfahren läuft“. Aus der Forderung nach Verantwortung wird eine Diskussion über Zuständigkeiten, Ämter und die Frage, welche Konsequenz jetzt eigentlich angemessen wäre.

Man könnte fast meinen, politische Moral sei eine Art Dienstwagen: Für die öffentliche Fahrt wird sie herausgeputzt, bei der privaten Nutzung gelten offenbar andere Wartungsintervalle.

Dabei wäre die Sache ganz einfach: Wer von anderen strikte Regeln verlangt, muss sich auch an denselben Maßstäben messen lassen. Nicht weil Politiker unfehlbar sein müssten, sondern weil Glaubwürdigkeit davon lebt, dass Regeln nicht nur für die politische Konkurrenz gelten.

Die Konsequenzen? Erst einmal die politische Parkposition wechseln

Anfang August kündigte Bareiß eine politische Auszeit an. Er erklärte, seinen Vorsitz im CDU-Bezirksverband Württemberg-Hohenzollern ruhen zu lassen und nicht erneut für das Amt anzutreten. Zugleich bat er um Entschuldigung.

Im September kehrte er in den Bundestag zurück. Am 1. Oktober wurde dann bekannt, dass er den Haushaltsausschuss verlässt und innerhalb der CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine andere Aufgabe übernehmen soll.

Das ist politisch durchaus bemerkenswert. Denn der Haushaltsausschuss gehört zu den einflussreichen Gremien des Bundestages. Dort wird im Detail darüber verhandelt, wofür der Staat Geld ausgeben darf.

Ein Wechsel aus dem Ausschuss ist eine Veränderung der politischen Funktion. Er ist aber weder ein gerichtliches Urteil noch automatisch ein Rücktritt vom Bundestagsmandat.

Und genau hier beginnt die Glaubwürdigkeitsfrage: Wie viel politische Verantwortung übernimmt jemand tatsächlich – und wie viel wird lediglich organisatorisch umsortiert?

In der CDU wird offenbar weiter über den Umgang mit Bareiß diskutiert. Die Junge Union forderte nach Medienberichten einen Rückzug und erklärte, es habe keine überzeugende Aufklärung der im Raum stehenden Vorwürfe gegeben. Gleichzeitig war aus der CDU-Bundestagsfraktion öffentlich wenig zu hören.

Die Satire dazu schreibt sich fast von selbst: Wenn es politisch unangenehm wird, braucht es in Berlin offenbar nicht immer einen Rücktritt. Manchmal reicht auch ein neuer Sitzplan.

Die Doppelmoral ist das eigentliche politische Problem

Machen wir es fair: Niemand muss allein deshalb aus dem Bundestag verschwinden, weil gegen ihn ermittelt wird. Die Unschuldsvermutung ist kein lästiges Detail, das man bei unliebsamen Politikern aus dem Fenster werfen darf.

Aber die CDU kann auch nicht einerseits den strengen Ordnungshüter geben und andererseits erwarten, dass die Öffentlichkeit bei eigenen Fällen plötzlich nur noch auf die juristische Mindestanforderung schaut.

Politische Verantwortung und strafrechtliche Schuld sind zwei verschiedene Dinge. Ein Verfahren muss rechtsstaatlich geführt werden. Zugleich dürfen Bürgerinnen und Bürger fragen, ob ein Politiker noch glaubwürdig für seine früheren Forderungen stehen kann, wenn er selbst mit einem vergleichbaren Problem konfrontiert wird.

Gerade wer andere öffentlich an strengen Maßstäben misst, muss damit rechnen, dass diese Maßstäbe irgendwann zurückkommen wie ein schlecht geparkter Dienstwagen.

Die Doppelmoral besteht nicht darin, dass ein Politiker unter Verdacht gerät. Sie entsteht dort, wo die eigenen Grundsätze je nach Parteibuch plötzlich unterschiedlich streng ausgelegt werden.

Die CDU und ihr Problem mit der Selbstkontrolle

Die Union fordert gerne Konsequenzen. Bei anderen. Bei der Ampel. Bei politischen Gegnern. Bei Menschen, die gegen Regeln verstoßen. Dann ist die Sprache klar, die Empörung groß und die moralische Bewertung schnell zur Hand.

Im eigenen Lager wird daraus gerne ein komplizierter Einzelfall, zu dem man sich aus Respekt vor laufenden Verfahren besser nicht äußert.

Natürlich muss man vorsichtig sein. Das ist rechtsstaatlich richtig. Aber Vorsicht darf nicht zur Ausrede werden, jede politische Aufarbeitung auf unbestimmte Zeit zu vertagen.

Und wenn ein Abgeordneter seinen einflussreichen Ausschussposten abgibt, zugleich aber eine andere Aufgabe in der Fraktion übernehmen soll, darf man durchaus nachfragen, ob hier echte Verantwortung übernommen oder vor allem ein politisches Problem neu verpackt wird.

Die Antwort darauf wird nicht durch einen bissigen Kommentar entschieden, sondern durch die tatsächlichen weiteren Schritte der Beteiligten.

Fazit: Die Moral darf keine Einbahnstraße sein

Der Fall Bareiß ist noch nicht juristisch abgeschlossen. Die konkrete Substanz ist öffentlich nicht benannt, und ein rechtskräftiges Urteil liegt nicht vor. Wer daraus bereits eine erwiesene Straftat macht, schießt über das Ziel hinaus.

Doch die politische Frage bleibt: Wie ernst meint es eine Partei mit ihren moralischen Ansprüchen, wenn sie plötzlich das eigene Personal betreffen?

Wer anderen den erhobenen Zeigefinger präsentiert, sollte wenigstens sicherstellen, dass die eigene Hand nicht gerade im politischen Nebel verschwindet.

Die CDU darf strenge Regeln fordern. Sie darf Cannabis kritisieren. Sie darf auf Verantwortung im Straßenverkehr pochen. Aber sie muss sich dann auch gefallen lassen, dass ihre eigenen Maßstäbe an den eigenen Leuten gemessen werden.

Denn politische Glaubwürdigkeit ist kein Parteiprivileg. Und Doppelmoral wird nicht dadurch besser, dass man sie in einen anderen Ausschuss versetzt.

Masken, Baby, Sardinen

Jens Spahn und die wundersame Karriere des politischen Comebacks

Krank? Familienurlaub? Politische Auszeit? Hauptsache, der Lebenslauf bleibt spannend.

Es gibt Politiker, die machen einen Fehler und treten zurück.

Und dann gibt es Jens Spahn.

Der macht einen Fehler, tritt zurück, bekommt einen neuen Posten, fehlt bei einer wichtigen Sitzung, wird mit Baby auf Sardinien fotografiert, sorgt erneut für Ärger – und gibt anschließend den neuen Posten wieder ab.

Man muss neidlos anerkennen: Das ist eine bemerkenswerte Form von politischer Nachhaltigkeit.

Vom Fraktionschef zum Ausschuss-Flüchtling

Im Juli war Spahn als Unionsfraktionschef zurückgetreten. Anfang September bekam er trotzdem wieder einen wichtigen parlamentarischen Posten: den Sitz im Haushaltsausschuss.

Das Comeback sollte offenbar schnell gehen.

Sehr schnell.

Vielleicht sogar zu schnell.

Denn kaum war Spahn im Haushaltsausschuss angekommen, stand bereits die nächste Episode auf dem Programm.

Während der Bundestag tagte, fehlte Spahn bei einer Sitzung. Als Begründung wurden familiäre Gründe genannt. Aus dem Ausschuss hieß es, die Abwesenheit habe mit dem kranken Kind zu tun gehabt. Spahns Sprecher erklärte dagegen, Spahn sei ordnungsgemäß aus familiären Gründen entschuldigt gewesen und habe sich nicht selbst krankgemeldet.

Und dann kam Sardinien.

Dort wurde Spahn gemeinsam mit seinem Ehemann und dem Baby am Flughafen von Olbia fotografiert.

Das Foto landete bei „Bild“.

Die Überschrift war ungefähr so subtil wie ein Vorschlaghammer:

„Familienurlaub statt Bundestag.“

Der Artikel verschwand anschließend wieder. „Bild“ erklärte, das Foto sei in einem privaten Rahmen entstanden und habe gegen interne Richtlinien verstoßen.

Arbeiten ist nicht so sein Ding. Man muss Prioritäten setzen.


Damit war das politische Rätsel perfekt:

Ist Sardinien jetzt eine Krankheit?

Oder ist die neue politische Definition von „familiären Gründen“ schlicht:

„Der Bundestag kann warten, das Mittelmeer nicht.“

Natürlich wäre das unfair.

Denn Spahn bestreitet ausdrücklich, krankgeschrieben gewesen zu sein. Und er war nach den vorliegenden Berichten auch entschuldigt. Außerdem war eine Vertretung organisiert.

Aber Politik ist manchmal brutal.

Vor allem dann, wenn man gerade versucht, nach einem Rücktritt ein Comeback hinzulegen.

Die Union bekommt Schnappatmung

Innerhalb der Union kam die Sardinien-Geschichte jedenfalls nicht besonders gut an.

Nach ARD-Informationen forderten mehrere Mitglieder der Arbeitsgruppe Haushalt sogar, Spahn aus dem Ausschuss zu werfen. Schließlich stand eine Art Bewährungsfrist im Raum.

Man kann sich die Sitzung ungefähr vorstellen:

„Jens, wir müssen reden.“

„Worüber?“

„Über deine Anwesenheit.“

„Ich war doch da.“

„Nein.“

„Aber ich war auf Sardinien.“

„Genau.“

„Mit meinem Baby.“

„Das macht es nicht besser.“

„Aber schöner.“

Und damit war das Comeback eigentlich schon wieder Geschichte.

Am 28. September zog Spahn schließlich selbst die Konsequenz und verzichtete auf seinen Sitz im Haushaltsausschuss. Er erklärte, alles rund um seine Person sei derzeit so politisiert, dass normales Arbeiten kaum möglich sei. Außerdem sei sein Rücktritt als Fraktionschef im Juli noch zu frisch gewesen, um schon wieder „voll durchzustarten“.

Das muss man erst einmal schaffen:

Ein Comeback zu starten, um anschließend festzustellen, dass das Comeback zu früh war.

Wie viele Folgen hat diese Serie eigentlich?

Und jetzt darf man sich schon fragen:

Wie viele politische Kontroversen braucht es eigentlich noch, bis Jens Spahn endgültig aus der ersten Reihe verschwindet?

Rücktritt als Fraktionschef.

Neuer wichtiger Ausschussposten.

Sardinien-Affäre.

Interner Ärger.

Bewährungsfrist.

Und schließlich wieder der Rückzug.

Das erinnert weniger an eine politische Karriere als an eine Netflix-Serie mit ständig wechselnder Besetzung.

„Jens Spahn – Comeback Impossible“

Staffel 1: Fraktionschef.

Staffel 2: Rücktritt.

Staffel 3: Haushaltsausschuss.

Staffel 4: Sardinien.

Staffel 5: Rückzug.

Und die Zuschauer fragen sich:

Wann kommt endlich das Serienfinale?

Merz, Spahn, Amthor – die CDU als unbeabsichtigte Comedy-Truppe?

Und dann gibt es da noch ein größeres Problem.

Denn Spahn ist nicht der einzige CDU-Politiker, bei dem man sich inzwischen fragen könnte, ob die eigene Partei eigentlich noch weiß, wie man politische Schlagzeilen vermeidet.

Friedrich Merz sorgt regelmäßig für Schlagzeilen.

Philipp Amthor sorgt regelmäßig für Schlagzeilen.

Jens Spahn sorgt regelmäßig für Schlagzeilen.

Und irgendwo sitzt vermutlich inzwischen ein AfD-Wahlkampfstratege und sagt:

„Bitte weiter so.“

Natürlich wäre es falsch, daraus zu behaupten, Merz, Spahn oder Amthor würden tatsächlich für die AfD arbeiten.

Dafür gibt es keinen Beleg.

Aber eine andere Frage darf man durchaus stellen:

Was muss eine politische Konkurrenz eigentlich noch tun, wenn die Konkurrenz ihr die besten Schlagzeilen selbst produziert?

Die AfD muss schließlich nicht jeden politischen Gegner persönlich attackieren, wenn dieser regelmäßig selbst für neue Angriffsflächen sorgt.

Das ist keine geheime Zusammenarbeit.

Das ist eher die politische Variante von:

„Danke, dass ihr das für uns erledigt.“

Und genau darin liegt die bittere Pointe.

Politische Fehler und interne Streitigkeiten können das Vertrauen in Parteien beschädigen. Gerade nach jüngsten AfD-Erfolgen wird innerhalb der Union deshalb auch darüber diskutiert, welche Auswirkungen solche Vorgänge auf die eigene politische Glaubwürdigkeit haben.

Vielleicht braucht die CDU einfach einen neuen Kalender

Vielleicht sollte die CDU deshalb einen neuen Kalender einführen.

Montag:
Regieren.

Dienstag:
Nicht zurücktreten.

Mittwoch:
Nicht auf Sardinien erwischt werden.

Donnerstag:
Keine neuen Kontroversen produzieren.

Freitag:
Keine Interviews geben.

Wochenende:
Bitte nichts posten.

Und für Jens Spahn gibt es noch einen zusätzlichen Termin:

„Comeback frühestens nach erfolgreicher Teilnahme an drei aufeinanderfolgenden Sitzungen.“

Natürlich könnte man auch einfach die deutlich langweiligere Lösung wählen:

Politiker nehmen ihre parlamentarischen Aufgaben wahr, erklären ihre Abwesenheiten transparent und vermeiden unnötige neue Baustellen.

Aber wo bliebe dann die Unterhaltung?

Denn eines muss man der Union lassen:

Für politische Satire liefert sie derzeit zuverlässig Nachschub.

Und Jens Spahn?

Der hat seinen Sitz im Haushaltsausschuss inzwischen wieder abgegeben.

Man darf gespannt sein, welcher Posten als Nächstes für sein Comeback ausgewählt wird.

Vielleicht Reiseausschuss.

Dann wäre Sardinien wenigstens fachlich einschlägig.

Amthor und der Strandkorb

Wenn die CDU untergeht, aber wenigstens bequem

Von der politischen Krise direkt in den Strandkorb: Die neue ZDF-Doku „Inside CDU“ liefert unfreiwillig eine der schönsten Vorlagen für politische Satire seit Langem. Philipp Amthor zieht ins Kanzleramt – und offenbar gleich mit Urlaubsgefühl.

Vom Kofferträger zum echten Staatsmann!

Die CDU steckt in einer Krise. Die Zustimmungswerte sinken, die AfD zieht vorbei, bei Landtagswahlen hagelt es Niederlagen und im Kanzleramt dürfte man sich zunehmend fragen, wie man eigentlich noch erklären soll, dass alles ganz anders läuft als geplant.

Und dann kommt Philipp Amthor.

Mit einem Strandkorb.

Auf dem Balkon des Kanzleramts.

Man muss dem ZDF beinahe dankbar sein. Keine Satirikerin, kein Satiriker hätte sich diese Szene besser ausdenken können.

„Ja, das sieht doch super aus“

In der zweiten Staffel von „Inside CDU“ wird der politische Aufstieg Amthors begleitet. Der junge CDU-Politiker hat inzwischen einen Posten als Staatsminister im Kanzleramt und darf dort offenbar nicht nur über Bund und Länder nachdenken, sondern auch über die optimale Ausrichtung eines Strandkorbs.

Als das gute Stück auf die Terrasse gerollt wird, begutachtet Amthor es zufrieden.

„Ja, das sieht doch super aus.“

Und tatsächlich: Was könnte besser zur aktuellen Lage der Union passen?

Die Partei steckt politisch im Stau – Amthor steckt im Strandkorb.

Während draußen die politische Großwetterlage zunehmend ungemütlich wird, wird drinnen offenbar schon einmal für die persönliche Komfortzone vorgesorgt.

Amthor erklärt, dass er den Strandkorb im unwahrscheinlichen Fall einer Erholung einfach in Richtung Kanzlergarten drehen könne.

„Im unwahrscheinlichen Fall, dass ich den mal nutze zum Erholen.“

Ein Satz, der vermutlich nur noch von „Im unwahrscheinlichen Fall, dass die CDU irgendwann wieder gewinnt“ übertroffen werden könnte.

Willkommen im Kanzler-Strandbad

Natürlich ist ein Strandkorb kein Skandal.

Ein Politiker darf einen Strandkorb mögen. Ein Politiker darf sich auf seinem Balkon hinsetzen. Und vermutlich darf sogar ein CDU-Politiker gelegentlich Urlaub von der politischen Realität machen.

Das Problem ist eher das Gesamtbild.

Die Doku zeigt eine Partei, die mit sinkenden Zustimmungswerten und wachsendem politischen Druck kämpft.

Und mittendrin sehen wir einen aufstrebenden Nachwuchspolitiker in einem repräsentativen Büro, mit Dienstwagen und Strandkorb.

Das ist ungefähr so, als würde die Feuerwehr während eines Großbrands eine Reportage drehen und der Einsatzleiter zunächst erklären:

„Das Feuer ist natürlich ein Problem. Aber schauen Sie mal, wie schön mein neuer Liegestuhl steht.“

Die neue politische Komfortzone

Besonders schön wird es durch den Kontext.

Amthor kommt in der Doku nicht gerade aus einer Strandbude an der Ostsee.

Er sitzt inzwischen im Kanzleramt.

Medienberichte verweisen zudem auf eine hochwertige Cassina-Sitzgruppe in seinem Büro, deren Listenpreis bei rund 27.000 Euro liegt.

Und draußen wartet der Strandkorb.

Man könnte fast meinen, das Kanzleramt habe ein neues Konzept entwickelt:

Politik trifft All-inclusive-Urlaub.

  • Bund-Länder-Koordination am Vormittag.
  • Krisensitzung nach dem Mittagessen.
  • Strandkorb ab 15 Uhr.
  • Bei besonders schlechten Umfragewerten wird die Rückenlehne automatisch um drei Grad nach hinten gestellt.

CDU im Sinkflug – Amthor im Liegestuhl

Die Ironie könnte kaum größer sein.

Die ZDF-Doku heißt „Inside CDU“ und soll Einblicke in die Strategien und Krisen der Partei geben. Die zweite Staffel begleitet die Union durch ein politisch schwieriges Jahr.

Und dann liefert ausgerechnet Amthor das perfekte Symbolbild.

Die CDU kämpft darum, wieder Vertrauen zu gewinnen.

Amthor kämpft darum, den Strandkorb richtig auszurichten.

Die CDU sucht nach Antworten.

Amthor sucht den richtigen Blickwinkel auf den Kanzlergarten.

Die CDU will wieder näher an die Bürger.

Amthor ist näher am Sandstrand.

Zumindest gedanklich.

Vielleicht ist das alles ein Missverständnis

Vielleicht haben wir die Szene auch einfach falsch verstanden.

Vielleicht handelt es sich beim Strandkorb gar nicht um ein Symbol politischer Abgehobenheit.

Vielleicht ist es eine neue Form des Krisenmanagements.

„Wie reagieren wir auf sinkende Umfragewerte?“

„Strandkorb.“

„Was tun gegen die AfD?“

„Strandkorb.“

„Wie gewinnen wir verlorenes Vertrauen zurück?“

„Strandkorb nach Westen drehen.“

„Was machen wir, wenn es politisch richtig ungemütlich wird?“

„Dann drehen wir ihn Richtung Kanzlergarten.“

Man muss zugeben: Einen gewissen Pragmatismus kann man dieser Strategie nicht absprechen.

Und plötzlich versteht man die CDU

Vielleicht ist das sogar die wichtigste Erkenntnis der gesamten Dokumentation.

Die Bürgerinnen und Bürger sehen eine politische Partei, die mit großen Problemen kämpft.

Die Politiker sehen eine politische Partei, die mit großen Problemen kämpft.

Und Philipp Amthor sieht offenbar zunächst einmal einen ziemlich schönen Strandkorb.

Das ist keine politische Analyse.

Das ist Satire, die sich praktisch selbst schreibt.

Und so bleibt am Ende nur eine Frage:

Wenn die CDU tatsächlich untergeht – bekommt Amthor dann wenigstens seinen Strandkorb mit?

Denn eines ist sicher:

Wenn schon politische Krise, dann bitte mit Rückenlehne.


Hinweis: Die beschriebenen Szenen und Äußerungen aus der ZDF-Dokumentation beziehen sich auf die dort gezeigten Aufnahmen. Die weitergehenden Vergleiche, Zuspitzungen und Pointen dieses Beitrags sind satirisch.