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Desaster? Weiter so!

Berlin, 21. September 2026

Es gibt politische Abende, an denen ein Kanzler vor die Kameras tritt, ein Wahlergebnis betrachtet und sich fragt: Was haben wir falsch gemacht?

Dann gibt es Friedrich Merz.

Der Bundeskanzler tritt nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern vor die Kameras, bezeichnet das Ergebnis seiner CDU in Mecklenburg-Vorpommern als „Desaster“ – und erklärt anschließend, dass die notwendigen Reformen natürlich trotzdem kommen müssten. Er selbst werde dafür weiterhin als CDU-Vorsitzender und vor allem als Bundeskanzler zur Verfügung stehen.

Man könnte dieses politische Konzept auch kurz zusammenfassen:

„Ich übernehme die Verantwortung. Deshalb ändere ich nichts.“

Fritz übernimmt Verantwortung für das Land!

Willkommen beim Merz-Prinzip

Die CDU hat in Mecklenburg-Vorpommern 4,89 Prozent erreicht und damit erstmals seit 1949 bei einer Landes-, Bundes- oder Europawahl die Fünf-Prozent-Hürde verpasst. In Berlin kam die CDU laut Hochrechnung auf rund 19 Prozent – deutlich weniger als bei der Wiederholungswahl 2023.

Merz nennt das eine schwierige Situation.

Das ist diplomatisch formuliert.

Man könnte auch sagen: Der Wähler hat der CDU einen Brief geschrieben.

Auf dem Umschlag steht:

„Wir müssen reden.“

Die CDU antwortet:

„Danke für Ihre Nachricht. Wir machen weiter wie bisher.“

Das Desaster als Beweis, dass alles richtig läuft

Besonders faszinierend ist die politische Mathematik, die sich daraus ergibt.

CDU verliert massiv? Reformen müssen kommen.

CDU fliegt aus dem Landtag? Reformen müssen kommen.

CDU verliert in Berlin deutlich? Reformen müssen kommen.

Innerparteilicher Druck steigt? Reformen müssen kommen.

Wähler wenden sich ab? Reformen müssen kommen.

Man wartet eigentlich nur noch gespannt auf den Moment, an dem die CDU bei einer Wahl überhaupt keine Stimmen mehr bekommt.

Dann wird Merz vermutlich vor die Kameras treten und erklären:

„Das Ergebnis zeigt eindrucksvoll, dass wir mit unserem Reformkurs noch nicht weit genug gegangen sind.“

Und irgendwo im Hintergrund wird ein CDU-Mitarbeiter vorsichtig den Parteischatzmeister fragen, ob man die Wahlplakate künftig direkt auf Grabsteine drucken lassen kann.

„Ich übernehme Verantwortung“ – aber bitte ohne Konsequenzen

Merz sprach von „Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld“, die jetzt erforderlich seien. Und er werde diese Eigenschaften aufbringen – als Parteivorsitzender und vor allem als Bundeskanzler.

Das ist bemerkenswert.

Denn normalerweise bedeutet politische Verantwortung nach einer schweren Wahlniederlage zumindest, dass man sich fragt, ob der eigene Kurs vielleicht nicht ganz optimal angekommen ist.

Bei Merz funktioniert Verantwortung offenbar anders.

Verantwortung übernehmen heißt: Verantwortung behalten.

Und zwar möglichst lange.

Vielleicht ist das die große politische Innovation des Jahres 2026: Der Rücktritt ist nicht mehr die Konsequenz einer Niederlage, sondern das Gegenteil davon.

Man bleibt einfach so lange, bis die Niederlage irgendwann als Bestätigung der eigenen Standhaftigkeit interpretiert werden kann.

Der Airbag geht auf, aber der Fahrer gibt Gas

Stellen wir uns einen Autofahrer vor.

Er fährt mit 180 Sachen gegen eine Betonwand.

Der Airbag geht auf.

Die Motorhaube liegt drei Meter entfernt.

Der Wagen ist nur noch als Ersatzteilspender interessant.

Der Fahrer steigt aus, schaut sich den Schaden an und sagt:

„Das war ein Desaster. Aber offensichtlich müssen wir jetzt noch etwas mehr Gas geben.“

Genau das ist das Merz-Prinzip.

Nicht die Richtung ändern.

Nicht einmal kurz anhalten.

Einfach weiterfahren.

Mecklenburg-Vorpommern: 4,89 Prozent und voller Reformelan

Das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern ist dabei besonders pikant.

Die CDU scheiterte mit 4,89 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde. Ein historischer Tiefpunkt.

Aber keine Sorge:

Der Kanzler bleibt.

Der Parteivorsitzende bleibt.

Der Reformkurs bleibt.

Nur die CDU-Abgeordneten im Schweriner Landtag müssen leider draußen bleiben.

Das hat natürlich nichts mit dem Reformkurs zu tun.

Die CDU wurde schließlich zwischen SPD und AfD „zerrieben“, wie Merz erklärte.

Ein bemerkenswertes Bild.

Die Partei wird von zwei politischen Kräften zermahlen – und die Antwort aus Berlin lautet:

„Mehr Reformen!“

Vielleicht sollte die CDU künftig einfach neue Wahlplakate drucken:

„Wir hören Ihnen zu. Aber wir machen trotzdem weiter.“

Das wäre zumindest ehrlich.

Berlin: „Ordentlich“ ist das neue „Katastrophe vermieden“

In Berlin war die Lage für die CDU ebenfalls alles andere als berauschend. Trotzdem bezeichnete Merz das Ergebnis als „ordentlich“.

Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die deutsche Sprache.

Ordentlich: Ein Wahlergebnis, bei dem man besser nicht allzu lange über die Zahlen spricht.

Vielleicht sollten wir künftig überhaupt neue politische Bewertungskategorien einführen:

  • Historisch: Die Partei verliert den Landtag.
  • Ordentlich: Die Partei verliert deutlich.
  • Stabil: Die Partei verliert weniger als befürchtet.
  • Ermutigend: Die Partei verliert, aber der Parteivorsitzende bleibt.
  • Reformbedarf: Der Wähler hat offensichtlich nicht verstanden, wie genial der bisherige Kurs war.

Und schuld ist natürlich der fehlende Rückenwind

Für das schlechte Abschneiden in Mecklenburg-Vorpommern verwies Merz unter anderem auf den fehlenden „Rückenwind aus Berlin“.

Das ist praktisch.

Wenn der Wind falsch steht, kann man schließlich nichts dafür.

Vielleicht war er einfach ungünstig.

Vielleicht war es Gegenwind.

Vielleicht hat jemand in Berlin das Fenster offen gelassen.

Nur eines darf offenbar nicht passieren:

Dass man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass die eigene Politik bei einem Teil der Wähler schlicht nicht besonders gut angekommen ist.

Das politische Perpetuum mobile

Merz erklärt Deutschland für reformbedürftig.

Das Wahlergebnis bestätigt angeblich den Reformbedarf.

Also müssen Reformen kommen.

Diese Reformen werden Belastungen und Unsicherheiten verursachen.

Wenn die Menschen daraufhin unzufrieden werden, ist das wiederum ein Zeichen dafür, dass Deutschland reformbedürftig ist.

Also müssen weitere Reformen kommen.

Und wenn die CDU danach erneut Stimmen verliert?

Ganz klar:

Noch mehr Reformen.

Ein politisches Perpetuum mobile.

Es produziert zwar keine Energie, aber dafür immer neue Begründungen, warum der bisherige Kurs unbedingt fortgesetzt werden muss.

Der Wähler hat gesprochen. Die CDU hört weg.

Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Wahlabend ist deshalb nicht einmal die Niederlage selbst.

Es ist die Interpretation.

Der Wähler hat gesprochen.

Die CDU hat zugehört.

Und anschließend beschlossen, dass der Wähler vermutlich etwas anderes gemeint hat.

Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant 95 Prozent seiner Gäste verlieren und der Koch erklären:

„Die Leute verstehen unser neues Menü einfach noch nicht. Deshalb erhöhen wir jetzt die Preise und nehmen noch drei Gerichte von der Karte.“

Weiter so – bis es nicht mehr weitergeht

Vielleicht ist das also tatsächlich der neue politische Kurs:

Weiter so.

Aber mit mehr Rückgrat.

Mehr Standhaftigkeit.

Mehr Geduld.

Und vermutlich vor allem mehr Geduld mit den Wählern.

Denn die müssen schließlich noch lernen, dass ein Wahlergebnis zwar demokratisch zustande kommt, aber offenbar nicht automatisch politische Konsequenzen haben muss.

Und so lautet die Botschaft des Kanzlers nach einem historischen Wahldesaster:

„Ich habe verstanden.“

Übersetzt aus dem politischen Merz-Dialekt bedeutet das offenbar:

„Ich habe verstanden, dass ich weitermachen muss.“

Man darf gespannt sein, wie lange dieses Konzept funktioniert.

Denn irgendwann könnte selbst der geduldigste Wähler auf die Idee kommen, dass „Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld“ vielleicht Eigenschaften sind, die nicht nur ein Kanzler besitzen sollte.

Vielleicht besitzt der Wähler sie nämlich auch.

Und vielleicht zeigt er sie bei der nächsten Wahl.

Bis dahin gilt:

Das Ergebnis war ein Desaster.

Die Verantwortung wurde übernommen.

Die Konsequenzen wurden vertagt.

Und der Kurs bleibt derselbe.

Willkommen beim „Weiter-so 2.0“.

Es ist der einzige Reformkurs, bei dem selbst eine Niederlage noch als Grund gilt, ihn unverändert fortzusetzen.

Wenn neue Gesichter alte Probleme verdecken sollen

Kabinett nach dem Prinzip „Reise nach Jerusalem“ 

Es ist wieder so weit: In Berlin werden Stühle gerückt. Wer gestern noch Minister war, sitzt heute im Kanzleramt. Wer gestern Parteistratege war, trägt morgen Ministerkoffer. Und wer gestern noch als Hoffnungsträger galt, wird heute elegant aus dem Rampenlicht geschoben. Willkommen beim großen Sommer-Spezial der Bundesregierung: „Kabinett tauschen statt Politik ändern.“

Offiziell heißt es natürlich, Bundeskanzler Friedrich Merz wolle seine Mannschaft „schlagkräftiger“ aufstellen. Ein bemerkenswerter Satz. Denn wenn nach wenigen Monaten bereits ein umfangreicher Umbau nötig ist, drängt sich eine unbequeme Frage auf: War die erste Mannschaft etwa nicht schlagkräftig – oder trifft sie schlicht auf eine Realität, die sich nicht mit Pressekonferenzen beeindrucken lässt?

Besonders auffällig ist das Timing. Die Umfragewerte entwickeln sich nicht gerade in die Richtung, die man sich im Konrad-Adenauer-Haus auf Hochglanzfolien ausmalt. Gleichzeitig rücken wichtige Landtagswahlen näher. Da wirkt der personelle Neustart weniger wie ein lange geplanter strategischer Schritt und mehr wie der Versuch, den Wählern zuzurufen: „Schaut her! Alles neu!“ – obwohl sich am politischen Kurs kaum etwas ändert.

Denn seien wir ehrlich: Neue Namensschilder an den Bürotüren senken weder Energiepreise noch beschleunigen sie Genehmigungen, lösen Wohnungsnot oder stopfen Haushaltslöcher. Die Bürger interessieren sich am Ende nicht dafür, wer welchen Dienstwagen übernimmt, sondern ob sich ihr eigener Alltag verbessert.

Besonders kreativ ist die Personalpolitik ohnehin nicht. Man gewinnt den Eindruck, der Talentpool besteht aus einem überschaubaren Kreis bekannter Gesichter, die je nach Wetterlage zwischen Partei, Fraktion, Ministerium und Kanzleramt rotieren. Politisches Musical Chairs statt echter Erneuerung.

Natürlich wird jeder Wechsel als großer Aufbruch verkauft. Der neue Minister bringt frischen Wind. Die neue Kanzleramtschefin sorgt für neue Dynamik. Der neue Fraktionschef steht für Geschlossenheit. In der politischen Übersetzung bedeutet das häufig: Man hofft, dass die Schlagzeilen über Personal länger halten als die Diskussion über die eigentlichen Probleme.

Bleibt die Frage, die viele Wähler inzwischen stellen dürften: Handelt es sich um einen echten Neustart – oder lediglich um kosmetische Reparaturen kurz vor den nächsten Wahlen?

Sollten die Umfragewerte tatsächlich der entscheidende Taktgeber gewesen sein, wäre das ein bemerkenswertes Signal. Nicht die Sorgen der Bürger hätten dann den Umbau ausgelöst, sondern die Sorge um den eigenen Stimmenanteil. Das wäre zwar politisch nachvollziehbar – Vertrauen schafft es allerdings kaum.

Vielleicht überrascht uns die neue Mannschaft ja tatsächlich mit durchgreifenden Reformen. Vielleicht wird aus dem Stühlerücken eine Erfolgsgeschichte. Vielleicht.

Bis dahin bleibt jedoch der Eindruck, dass in Berlin vor allem eines ausgetauscht wurde: die Namensschilder. Und dass man hofft, die Wähler würden den Unterschied zwischen einem neuen Gesicht und einer neuen Politik übersehen.