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Besuch im Paralleluniversum des Kanzlers

Es gibt Tage, an denen fragt man sich, ob man versehentlich den falschen Fernsehsender eingeschaltet hat. Oder ob man während der Regierungserklärung unbemerkt in ein Paralleluniversum transportiert wurde.

Dort, irgendwo zwischen Wunschdenken und PowerPoint-Präsentation, liegt offenbar das Deutschland des Bundeskanzlers.

Er hat das Land fest im Griff. Nicht.

Ein Land, in dem die Wirtschaft schnurrt wie ein frisch gewarteter Diesel. In dem Reformen im Akkord gelingen, die Menschen zufrieden lächeln und der Staat effizient arbeitet wie ein Schweizer Uhrwerk.

Beeindruckend.

Leider befindet sich dieses Deutschland offenbar nicht auf derselben Landkarte wie jenes, in dem Millionen Bürger morgens aufstehen.

Hier kämpfen Unternehmen mit Bürokratiebergen, Handwerker mit Formularen, Pendler mit maroden Brücken und Familien mit Rechnungen, die schneller wachsen als das eigene Einkommen. Aber vielleicht fehlt uns einfach die richtige Perspektive. Oder die Regierungsbrille.

Denn wer durch diese schaut, erkennt überall Erfolge.

Steuereinnahmen? Ein Erfolg.

Neue Schulden? Ein Erfolg.

Noch eine Kommission? Ein Erfolg.

Eine Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der nächsten Arbeitsgruppe? Ein historischer Durchbruch.

Besonders faszinierend ist die Fähigkeit, Probleme einfach sprachlich umzudekorieren. Aus einer Wirtschaftskrise wird eine Transformationsphase. Aus Überforderung wird Resilienz. Aus Stillstand wird ein entschlossener Aufbruch. Man muss es nur oft genug sagen – irgendwann glaubt es vielleicht sogar jemand.

Und dann dieser Satz: „Die Mitte liefert.“

Man möchte höflich nachfragen: Wohin denn?

Denn beim Blick in den Alltag vieler Menschen scheint die Lieferung irgendwo zwischen Ministerium und Realität verloren gegangen zu sein. Vielleicht liegt sie noch im Verteilzentrum der Bürokratie und wartet auf eine Zuständigkeitsprüfung.

Auch die Verteidigungspolitik durfte selbstverständlich nicht fehlen. Neue Raketen, neue Systeme, neue Milliarden. Alles wichtig. Nur fragt sich der normale Bürger gelegentlich, ob dieselbe Entschlossenheit vielleicht auch einmal bei Schlaglöchern, Digitalisierung oder der pünktlichen Bahn ausprobiert werden könnte. Das wäre beinahe revolutionär.

Der Kanzler sprach außerdem von Zuversicht.

Zuversicht ist tatsächlich etwas Schönes. Sie ersetzt allerdings weder bezahlbare Energie noch funktionierende Infrastruktur noch wirtschaftliches Wachstum. Aber sie kostet auch deutlich weniger als echte Reformen.

Vielleicht lebt die Regierung tatsächlich in einer anderen Wirklichkeit. Einer Welt, in der Pressekonferenzen Probleme lösen, Regierungserklärungen die Konjunktur ankurbeln und Eigenlob als Wirtschaftsförderung gilt.

Sollte dieses Paralleluniversum irgendwann touristisch erschlossen werden, wäre ein Besuch sicher lohnenswert.

Bis dahin bleiben wir wohl im gewöhnlichen Deutschland.

Dort, wo man den Unterschied zwischen einer gelungenen Rede und gelungener Politik noch erkennt.